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Nein!!! - Gemeinsam gegen Kindesmissbrauch
 
Licht im Dunkel

< Und ich wartete darauf das jemandem ein Licht aufgeht. Das jemand merkt was mit mir los ist ohne mich danach zu fragen. Ich durfte  doch keine Antwort geben, nichts erzählen.... es war  unser Geheimnis... ich durfte doch nicht schreien, konnte doch nicht schreien, eine Hand hielt mir den Mund zu solange die andere mich anfasste. Ich konnte doch nicht sagen das alles Dunkel um mich herum ist und nirgends ein Ende des Tunnels zu sehen ist. Nirgends ein Licht in die Dunkelheit kam damit mich jemand dort finden konnte... ich habe gewartet und niemand hat es gemerkt. Ich habe geschrieen und niemand hat es gehört. Ich habe  mich versteckt und niemand hat mich gesucht. Ich habe darauf gehofft das euch ein Licht aufgeht und ihr meine stummen Schreie hört, dafür wart ihr doch da...>

 

"Warum hast du nie jemandem etwas darüber erzählt???"

Diese Frage bekomme ich heute immer wieder zu hören. Um zu verstehen warum ich es nicht tat müsst ihr den folgenden Text mit den Augen, dem Wissen, den Gefühlen eines Kindes lesen. Stellt euch vorher die Frage warum so viele erwachsene Frauen denen Gewalt angetan wurde nichts darüber erzählen. Warum sie sich ausschweigen...

Ich zähle hier jetzt die Sätze auf die ich immer wieder eingetrichtert bekam zu dieser Zeit. Sätze die bis heute noch in mir fest hängen obwohl ich kein Kind mehr bin. Ich schreibe hier jetzt die Gedanken auf die ich in der Zeit hatte. Gedanken die heute noch zum Vorschein kommen in bestimmten Situationen. Lest sie so als ob ihr Kind seid....

1.) "ich habe dich lieber als alle anderen"

So widersprüchlich es sich anhört, aber jedes Kind möchte geliebt werden. Die Angst von seinen Eltern nicht mehr geliebt zu werden sitzt sehr tief, und ein Kind tut alles dafür dass das nicht vorkommt. Ich wollte geliebt werden, aber nicht auf die Art und Weise...

 

2.) "Es ist unser Geheimnis und wenn du etwas davon erzählst passiert was ganz schlimmes"

Jedes Kind liebt eigentlich Geheimnisse und denkt sich irgendwas aus was passieren könnte wenn man ein Geheimnis verrät. Also war es ganz normal das ich glaubte das was "ganz schlimmes" passieren würde. Zumal auch eindeutig geschildert wird, was man darunter zu verstehen hat. Es ging von körperlicher Gewalt über Heimandrohung bis zu der Schilderung das alle sterben werden und ich dann schuld bin. Die Angst dass das wirklich eintreffen könnte lies es nicht zu es überhaupt zu verraten.

 

3.)"Du bist doch schuld daran"

Dieser Satz prägt sich besonders ein. Ein Satz der heute noch viele Survivor dazu veranlasst nicht zu reden. Denn insgeheim fragt man sich andauernd was man getan hat das einem das angetan wurde. "Du machst mich verrückt und das weißt du genau." ""Hättest du mich nicht so angeschaut wäre das nie passiert" " Du wolltest doch immer einen Kuss von mir oder das ich mit dir schmuse".... Das alles sind Sätze die ein Kind glaubt weil sie ja eigentlich richtig sind. Jedes Kind möchte mit seinen Eltern schmusen, möchte spüren das es geliebt wird.

 

4.) "Ich bin schmutzig weil ich das tue und alle sehen es mir an das ich schmutzig bin"

Das Gefühl schmutzig zu sein wird zu einer Besessenheit. Alles duschen nutzt nichts. Alles Zähneputzen nutzt nichts. Das widerliche Gefühl bleibt. Und da ein Kind nicht weiß das man ein Gefühl nicht sehen kann bildet es sich ein das jeder es sieht. Ich fühlte mich schmutzig und hatte Angst davor alle zu verlieren wenn ich erzähle was für schmutzige Dinge ich tue. Jedem Kind wird irgendwie anerzogen das man bestimmte Dinge nicht sagt, sich an bestimmten Körperstellen nicht anfasst. Das man bei bestimmten Bildern in Zeitschriften oder Fernsehen wegschaut. Und ich habe alle diese Dinge gemacht... also war ich schmutzig. Ein böses Kind das verbotene Dinge tut

 

5.) "ich schäme mich"

Ich schämte mich dafür das ich all das tat. Aus den gleichen Gründen wie ein Punkt weiter oben beschrieben. Ich schämte mich jemandem erzählen zu müssen was ich schon alles weiß. Was ich schon alles getan habe. Wieder die Angst davor nicht geliebt zu werden wenn man es erzählt

 

6.) "ich will nicht daran denken müssen, nicht daran erinnert werden müssen"

Irgendwann gehört der Missbrauch wenn er so lange ausgeführt wird zum Alltag dazu. Man verdrängt die Angst, den Ekel und den Hass. Will nicht mehr daran denken müssen. Einer der Gründe warum sich viele Erwachsene erst nach Jahren daran erinnern das sie als Kind missbraucht wurden. Im Kopf eines Kindes formt sich der Gedanke, das wenn man nicht immer daran denkt, das es dann auch nicht passiert. Indem man nichts darüber erzählt lässt man seine Erinnerungen in Ruhe.

Alle diese Sätze und Gedanken sind noch heute in mir. Fast zwanzig Jahre später. Man kann sie nie mehr richtig aus sich herausbekommen. Sie hängen tief fest und kommen immer wieder zum Vorschein.... wie soll man sie dann als Kind überspringen können...

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