Einsamkeit.

Es fällt mir schwer darüber zu schreiben. Einsamkeit ist Leere, und in der Leere gibt es keine Worte. Nicht Leere draußen... leerer Raum draußen macht Einsamkeit erträglicher Es ist die Leere im Innern.
Meine Kindheit und Jugend... ich erinnere mich nur an sehr wenig. Ich erinnere mich dass mir oft schlecht war wenn ich von der Schule nach Hause ging... immer nur auf dem Heimweg. Dass ich nicht atmen konnte, weil etwas meine Brust so zusammendrückte... ich wusste nicht warum, es war immer so gewesen.

Drüber reden konnte ich zu Hause nicht. Meine Mutter lehnte mich ab, hatte keinerlei Interesse an mir. Vor Menschen hatte ich Angst. Je älter ich wurde umso mehr. Und als ich in die Pubertät kam, panische Angst vor Männern, vor Sex. Ich wusste nicht warum. Es war einfach so. Ich sehnte mich nach Kontakt zu andern Menschen, sehnte mich nachdem Trost von Berührung.... aber nur wenn ich allein war. Waren Menschen in der Nähe, erstarrte ich. Buchstäblich: Ich war steif und verkrampft. Ich ließ keinerlei Berührung zu. Je älter ich wurde, umso mehr mied ich Menschen.

Ist nicht schön eine Phantasiewelt zu haben?
Kommt drauf an... ich stellte mir Welten vor in denen es keine Menschen gab, in denen ich umherstreifen konnte ohne Furcht, weil ich nie, nie jemandem begegnen würde.

UAm Abend beim Einschlafen stellte ich mir vor, ich würde nicht einschlafen, sondern sterben... würde nicht in den Schlaf versinken, sondern in den Tod... es tröstete mich, denn dann würde ich nicht mehr aufwachen müssen, nie mehr.

Und in der Nacht träumte ich, Träume die sich immer wieder wiederholten: da waren zerbrochene Brücken, über die ich dennoch irgendwie gehen musste... ich wanderte durch Wüsten, durch den roten wehenden Sand... die Zwischenzimmer.. Zimmer, die zwischen denen lagen, die ich im Wachen kannte; verborgene Zimmer in denen ich mich versteckte, und wo ich ganz leise war, denn mein Vater durfte nicht bemerken dass ich da drin war.... die schwarze steinerne Stadt... wo alles dunkel ist, und es regnet, und ich gehe umher und in die Häuser hinein... sie sind leer, aber unten in den Kellern ist alles voll schwarzer Schlangen... und manchmal gehe ich auch nur so, gehe nach Hause, und der Boden, die Erde, verwandelt sich in schwarze Schlangen... da ist der weiße Korridor.... er hat keine Fenster und Türen; er ist nach rechts gebogen, wie ein Riesenkreis, und wie lang ich auch immer gehe ich komm nie zu einem Ende...... wenn ich nur eine Türe finden könnte, dann könnte ich den Weg finden in ein Leben in dem es Gras gibt und Bäume und Menschen. In all diesen Träumen wusste ich dass die Angst irgendwo ganz nahe ist, aber ich durfte ihr nicht erlauben spürbar zu werden. Ich ging als ob eine unsichtbare Glaswand wäre zwischen mir und allem was ich sah. Immerzu suchte ich einen Ausweg, aber ich fand nie einen. In diesen Träumen gab es keine Hoffnung.

Mit 25 ein Zusammenbruch... ich konnte nicht mehr weiter nach innen fliehen, die Einsamkeit wurde unerträglich, ich hielt es nicht mehr aus. Ich begriff dass ein Mensch andere Menschen braucht, egal was sie einem antun mögen... in der Isolation wird man verrückt. Ich hörte auf zu fliehen und kehrte um.. suchte den Weg zurück zu Menschen, versuchte wieder Kontakte zu finden... und begegnete der Angst Todesangst, aber ich wusste nicht warum sie da ist. Traurigkeit, Schmerz, aber ich wusste nicht was eigentlich mir so weh tut.

IIch fand Menschen die mich mögen, aber oft war ich unglücklich, todunglücklich, und wusste nicht warum. Ich wusste ich brauche Hilfe, aber ich konnte keine Hilfe annehmen. Es war schon viel dass ich mich freiwillig in die Gegenwart anderer begab, freiwillig mit ihnen zusammen war. Aber ich konnte nicht erklären warum ich so bin, weil ich es selber nicht verstand. Und immer war da das Gefühl bodenloser Einsamkeit: egal ob ich mit andern zusammen war oder allein. Aber wenn ich allein bin kann ich wenigstens weinen. Ich versuchte diese Gefühle zu beherrschen und wegzudrängen... ich wollte doch mein Leben genießen, nicht immer unglücklich sein. Im Wachen gelang es mir... aber ich fing an in der Nacht aufzuwachen, so um zwei... und so aus dem Schlaf aufgetaucht konnte ich das Gefühl nicht kontrollieren, es gelang mir nicht mehr... und ich weinte, trostlos, bis ich aufstehen und zur Arbeit gehen musste. Das ging lange so... viele Jahre.

Ich war allein. Ich hatte gehofft Beziehungen zu finden, Liebe, nicht mehr allein zu sein... aber es gelang mir nicht; der Mann den ich liebte und mit dem ich über acht Jahre zusammen war, hat nie mit mir zusammen gelebt. Ich begriff dass da etwas in mir selbst ist, das echte tiefe Nähe nicht zulassen kann, aber warum? Ich verstand es nicht. Es ist als ob etwas in mir darauf bestehen würde, dass ich nie, niemals jemanden zu nahe an mich heranlassen darf... etwas, das auf jede Nähe mit panischer Angst und Schmerz reagiert. In all den Jahren hab ich immer wieder überlegt was der Grund sein kann... und immer wieder kam ich auf sexuellen Missbrauch zurück Und konnte es nicht glauben; ich konnte mich an nichts erinnern; es müsste sehr früh gewesen sein, aber wer? Ich dachte an alle männlichen Verwandten und Bekannten.. es sind nicht viele.. aber immer wieder kam ich zu dem Schluss: Es kann nicht gewesen sein.

Nur an einen, an einen einzigen, dachte ich nie. Nie. Meinen Vater. Obwohl er ein Mensch ist, der immer zu Hause ist, wenn er nicht arbeitet, hatte ich nie eine richtige Beziehung zu ihm. Da war immer große Distanz. Ich mied ihn ohne je drüber nachzudenken. Die bloße Vorstellung dass ein Vater seine Tochter lieb haben könnte war mir widerlich, darüber wollte ich absolut nicht nachdenken.

Ich begann schließlich eine Therapie... mit 45 Und hier in der Therapie lernte ich meiner Kindheit, die Bruchstücke an die ich mich erinnern konnte, besser zu verstehen. Lernte dass es z.B. nicht unbedingt normal ist, daß ich als Kind nicht weinte. Ich erinnere mich daran dass ich im Gitterbett aufwachte und so Angst hatte; draußen wehte der Wind und der Mond warf die Baumschatten auf die Vorhänge, und diese bewegten Schatten erschienen mir wie Riesen; ich hatte so Angst vor ihnen, aber ich weinte nicht. Meine Thera fragte wo meine Eltern waren. Meine Eltern schliefen im gleichen Zimmer. Sie fragte was passiert wäre wenn ich geweint hätte. Ich konnte sie nur entsetzt anstarren... um Gottes willen, wenn meine Eltern aufgewacht wären... sie hätten mich geschlagen... und... ich konnte nicht mal den Gedanken ertragen, nichts denken, da war nur blanke Leere. Nein ich hätte nie geweint, er wäre ja aufgewacht, er durfte nicht aufwachen.

Später sprachen wir über meinen Vater. Ich mochte nicht reden über ihn. Wollt nicht an ihn denken. Da war nichts und basta. Gefühle? Liebe? Ein Vater liebt seine Tochter? Lächerlich, so was gibt's nur in romantischen Filmen, Unsinn. Abstoßend. Meine Thera fragte was gewesen wäre, wenn mein Vater mich geliebt hätte. Ich starrte sie an und sagte, der soll mich nicht lieb haben, der soll mich bloß in Ruhe lassen! Und während ich das sagte wurde mir bewusst was ich da so heftig ablehnte... Er soll mich nicht angreifen. Soll mich nicht berühren. Soll mich nicht "lieb haben". Soll mich in Ruh lassen. Ich saß da, zu entsetzt... an ihn hatte ich nie gedacht, nie, und jetzt auf einmal passte alles... der Ekel und Abscheu den ich schon bei kleinsten Berührungen von ihm empfand... Heute weiß ich dass ich als sehr kleines Kind, als Baby von ihm missbraucht wurde.

Heute verstehe ich, warum ich in meiner Angst und meinem Schmerz keine Hilfe von außen ertragen kann. Weil ich damals, als Baby, schrie... und mein Vater kam. Die Erinnerungen und Gefühle von Todesangst und Schmerz, die Angst vor Ersticken, das nie erbrechen dürfen... die Hand die mich so unbarmherzig auf den Tisch drückt, der Schmerz in der Brust, im Rücken, nicht atmen können, der Geruch von Kot und Blut, der Eisengeruch von Blut... Gefühle Erinnerungen die mich ein Leben lang verfolgt haben, die ich nie verstehen über die ich nie nachdenken konnte.. Körpererinnerungen an oralen, analen Missbrauch, und Todesangst. Ich bin 48. Ich lebe alleine. So allmählich gelingt es mir nun, mit Hilfe von Therapie, Freunden, und den Menschen die ich hier im Forum kennen gelernt hab, zu einem normalen Leben zu finden. Immer noch falle ich in die dunklen Löcher, wo die Gefühle aus der Vergangenheit mich einholen - Einsamkeit, Schmerz, Angst... aber heute weiß ich warum. Kann es anderen erklären, warum ich plötzlich, ohne offensichtlichen Anlass, traurig und verschlossen bin. Kann mir selbst sagen: Das ist Vergangenheit. Das ist vorbei. Wird nie wieder passieren. Und allmählich begreife ich das. Aber die Narben bleiben... ein Leben das ich nicht wirklich leben konnte, Kinder die ich mir gewünscht hab und nie haben konnte, Beziehungen die unmöglich waren weil meine Angst zu groß war... Heute kann ich verstehen was mir geschehen ist, kann akzeptieren dass es nun einmal so war. Aber es wird nie so sein können als wäre nie etwas geschehen.

© by Brigitte (geschrieben 2003)