Ich bin Viele.

 

Ich bin verliebt. Ich müsste mich eigentlich freuen. Tue ich aber nicht. Denn die Chance auf eine Beziehung ist minimal. Das Mädchen, für das ich mich interessiere ist genauso alt wie ich, sie steht auch auf den Typ Junge, wie ich bin. Dennoch besteht keine Möglichkeit, dass sich etwas zwischen uns entwickeln könnte, denn ich bin viele.

 

Es hat mich sehr viel Zeit gekostet, mir das einzugestehen und zu akzeptieren. Es ist so, als gäbe es in meinem Kopf mehrere „ichs“, denn ich bin eine multiple Persönlichkeit, einer von vielen. Mein Name ist Joschua, ich werde Joscha genannt, ich bin 16 Jahre alt und stecke im Körper eines dreizehnjährigen Mädchens, willkommen zu meinem Leben.

 

 

Es gibt nichts Schlimmeres für mich als nicht mehr zu wissen, wer ich bin. Es gibt nichts, was ich mehr fürchte, als meine Identität zu verlieren. Und genau das passierte. Ich war auf dem Weg zu meiner Schule, als es plötzlich schwarz um mich wurde. Ich konnte meinen Körper nicht mehr spüren. Ich hatte schon Angst, ich wäre gestorben, als ich plötzlich wieder in meinem Körper steckte. Nur nicht mehr im Bus wie vor einem Augenblick sondern mitten in der Lateinstunden und der Lehrer schien mich gerade etwas gefragt zu haben, so wie er mich ansah. Ich brauchte eine Weile um mich zu orientieren und zuckte dann mit Schultern. Der Lehrer nahm glücklicherweise jemanden anderes dran, so konnte ich in Ruhe darüber grübeln, was gerade passiert war. Irgendwann hatte ich so einen merkwürdigen Gedanken. Im Nachhinein ist mich klar geworden, dass es nicht mein Gedanke war, den ich da hörte. Dieser Gedanke war: „Du bist nicht allein.“

 

 

Ich wusste schon immer, dass ich nicht alleine bin. Ich bin genau wie Sophie (ein Text weiter oben) einer der Beschützer von uns. Wir sind dazu da, die Ordnung zu halten. Dieses Aufgabe kostet viel Zeit, wir können nicht so wie die Alltagspersönlichkeiten oft die Kontrolle über den Körper übernehmen, sondern müssen drinnen bleiben um dort alles zu regeln.

Wir müssen auch auf die Kinder aufpassen, denn ein paar von unseren Mit-Persönlichkeiten sind noch sehr jung, unser Nesthäkchen ist erst vier Jahre alt.

Insgesamt sind mir zehn weitere Persönlichkeiten bekannt. Ich denke jedoch, dass wir weitaus mehr sind.

 

 

Ich habe gedacht, ich bin verrückt als ich zum ersten Mal die Stimmen von Mika und Nini gehört habe. Vielleicht bin ich das auch. Ver-rückt.

Ich verletzte mich schon selber bevor ich von den anderen hörte, doch plötzlich war es irgendwie anders. Immer wenn ich mich schnitt hörte ich ein kleines Mädchen weinen.

Es war mir sehr unheimlich, ich habe wirklich gedacht, ich drehe nun komplett durch.

Ich hatte im Internet schon etwas über MPS gelesen, aber habe mein Wissen nicht mehr vertieft, es betraf mich ja nicht. Und warum sollte ich denn ein Multi sein?

Mir ist ja nichts ausreichend Schlimmes passiert, was eine Ursache für eine solche Spaltung sein hätte können.  Gut, ich war im Alter von zehn bis zwölf von meinen Klassenkameraden erst ignoriert und dann gedemütigt worden. Deswegen hatte ich SVV aber das war kein Grund, dass ich viele bin, wie es Joscha oben so nett ausgedrückt hat.

Erst viel später begriff ich die Zusammenhänge. Der Grund des Mobbings war meine Andersartigkeit. Ich war immer als etwas seltsam beschrieben worden. Ich konnte still sein, sagten andere und im nächsten Moment die größte Stimmungskanone sein. Ich schien manchmal ein mathematisches Genie zu sein und manchmal die größten Probleme beim Addieren von zweistelligen Zahlen zu haben. Ich selbst habe davon nie etwas mitbekommen. Das war es, was mich stutzig machte. Ich konnte mich an meine Kindheit so gut wie nie erinnern.

Jetzt kann ich es manchmal. Manchmal habe ich kurze Geistesblitze, die mir Erinnerungen an Augenblicke aus meiner Kindheit bescheren. Keine glücklichen Erinnerungen.

 

 

Unser Körper wurde über fünf lange Jahre lang von mehreren Tätern vergewaltigt und geschändet. Wir wurden missbraucht Dinge zu tun, die unvorstellbar sind. Deswegen sind wir viele geworden. Ein einzelner Mensch hätte dies alles nicht überlebt. Aber gemeinsam haben wir es geschafft. Wir leben. Doch zu welchem Preis? Keiner von uns hat einen ganzen Tag in der Außenwelt. Es fällt jedem von uns schwer Freundschaften zu schließen und auch zu halten. Liebesbeziehungen sind beinahe unmöglich. Irgendwie schaffen wir es den Alltag rumzukriegen, aber wir sind noch nicht über den Berg. Die, die uns das antaten sind immer noch auf freiem Fuß. Es wäre beinahe zwecklos Anzeige zu erstatten, denn eine multiple Persönlichkeit ist kaum gerichtsfähig. Doch die größere Gefahr sind wir selber.

Fast jeder ist in einer depressiven Stimmung, viele leiden außer an SVV noch an anderen Folgen. Viele haben Selbstmordgedanken.

 

 

 

Und es wird immer so weiter gehen. Wir werden noch lange Zeit verbergen müssen, dass wir Mehrere sind. Reinen Tisch machen und offen jedem sagen, dass wir multiple sind, können wir nicht. Sexueller Missbrauch von Kindern und die Folgen sind noch Tabu-Themen. Es gibt nur sehr wenig Verständnis für uns. Wir wären für alle einfach nur ein Spinner, ein Verrückter, ein Geisteskranker. Warum wir so sind wie wir sind interessiert keinen. Und so wird es weiter gehen. Nicht nur für uns sondern auch für die Jungen und Mädchen, die täglich vergewaltigt, missbraucht und zu Dingen gezwungen werden, vor denen sie sich ekeln und fürchten und zu Mitteln wie MPS greifen müssen nur um zu überleben.

 

Bis begriffen wird, das Wegschauen keine Lösung ist.

 

 
© liegt beim Autor. (Geschrieben am 14.01.2003)