Vorweg ein paar grundsätzliche Gedanken:

Dieser Text soll helfen zu verstehen, wie die Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs die Wahrnehmung, die Arbeitsweise des Gehirns und damit das gesamte Leben beeinflussen. Ich bin mir bewusst, dass Beispiele immer hinken, nur eine Annäherung an die Realität sind, sie können für das Verständnis trotzdem sehr hilfreich sein.

 

Einführung:

 

Unser Gehirn ist ein Teil unseres Nervensystems und sozusagen der Wohnsitz unserer Seele. Es verarbeitet alle Erfahrungen, alle Informationen, die wir mit Hilfe unseres Körper wahrnehmen. Dazu gehören sämtliche Sinneseindrücke wie Bilder, Geräusche, Gerüche und alle Körperempfindungen. Wir alle werden mit einem Nervensystem geboren, dass sich im Laufe unseres gesamten Lebens stark verändert. Diese Veränderungen sind zum Teil Anpassungen an unsere Lebensbedingungen und in unserem Nervensystem angelegt. So haben z.B. Säuglinge einen Saugreflex, d.h. sie beginnen zu saugen, sobald man ihnen etwas in den Mund steckt. Ohne diesen Reflex können Säugling nicht überleben. Er verschwindet ab einem gewissen Alter, wenn die Nahrungsaufnahme nicht mehr ausschließlich durch das Saugen möglich ist.

Darüber hinaus ist die Organisation und Arbeitsweise unseres Gehirns auch abhängig von äußeren Reizen und damit von dem, was wir erleben. Genau diese Tatsache ist im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von großer Bedeutung.

 

Da das kindliche Gehirn noch nicht voll entwickelt ist, ist es viel störanfälliger und viel verwundbarer, als das Gehirn von erwachsenen Menschen.

Das übergeordnete Ziel unseres Gehirns ist es, unser Überleben zu sichern. Auf bedrohliche, traumatische Situationen reagiert es deshalb mit Anpassungsprozessen. Diese Anpassungsprozesse sind von Änderungen in der Arbeitsweise des Gehirns begleitet und halten oft  länger als das Trauma an. So kommt es auch nach Beendigung der traumatischen Situation zu Verhaltensweisen, die in einer bedrohlichen Situation sinnvoll waren, aber zu einem späteren Zeitpunkt eine große Beeinträchtigung für das gesamte Leben darstellen können.

 

 

Verarbeitung von Informationen:

 

Erfahrungen, d.h. das, was wir erleben, prägen und bestimmen die Organisation und Funktionsweise unseres Gehirns. Schmerz oder eine Bedrohung führen zu einer veränderten Aktivität im Gehirn. Diese Veränderung ist nicht begrenzt auf die Dauer der Erfahrung sondern sie wirkt auch darüber hinaus.

Stellen wir uns das Gehirn als einen Dschungel vor, der aus einem schier unüberschaubaren Dickicht von Pflanzen (Nervenzellen) besteht, die mehr oder weniger ineinander verschlungen sind. Jetzt kommt ein Lebewesen (eine Information) und versucht sich einen Weg durch dieses Dickicht zu bahnen. Irgendwie findet das Lebewesen einen Weg und hinterlässt dabei eine Spur. Es folgen weitere Lebewesen, die sich auch einen Weg durch das Dickicht bahnen wollen, sie sehen diese dünne Spur und folgen ihr, und so wird aus dieser kleinen Spur langsam ein richtiger Trampelpfad. Auf das Gehirn übertragen heißt das, das jede Information, die sich einen Weg durch das Nervendickicht bahnt, die also im Gehirn verarbeitet wird, auch die Bearbeitung der nachfolgenden Signale beeinflusst, und damit auch die Organisation der Nervenzellen, d.h. die Organisation des Gehirns. Dabei gilt, je öfter ein bestimmtes Signal erfolgt (je häufiger der Trampelpfad benutzt wird) umso stärker wird der Einfluss auf die Hirnorganisation (umso breiter wird der Pfad). Diese veränderte Organisation beeinflusst nicht nur eine ganze bestimmte Art von Signalen sondern auch die Verarbeitung anderer Informationen. Wenn im Dschungel immer nur bestimmte Trampelpfade benutzt werden, dann bleiben z.B. andere Teile des Dickichts unberührt, wachsen immer mehr zu, werden immer undurchdringlicher.

Genau diese Fähigkeit unseres Gehirns sich zu verändern, auf die ankommenden Signale dauerhaft zu reagieren, macht Prozesse wie das Lernen erst möglich. Dies funktioniert nur, weil sich die Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen andauernd verändern. Man kann dies mit Beziehungen vergleichen, die ein Mensch während seines gesamten Lebens zu anderen Menschen hat.  Eine Zelle (ein Mensch) hat Kontakt zu unzähligen anderen Zellen (Menschen), und kann sich durch diese Kontakte austauschen, Informationen weiter leiten. Es gibt sehr starke Verbindungen und auch lose, schwache Kontakte, so wie auch wir enge Beziehungen zu einigen Menschen haben und flüchtige Kontakte zu anderen. Die Beziehungen sind unterschiedlich.

Mit welchen Zellen (Menschen) eine Zelle Kontakt hat, ist abhängig davon, wie aktiv sie ist. Besonders enge Kontakte bilden sich zwischen den Zellen aus, die gleichzeitig aktiv sind. Das ist vergleichbar unseren Beziehungen, wenn das Interesse an einem Austausch von beiden Seiten groß ist, entsteht eine engere Beziehung, als wenn nur einer Interesse zeigt.

Es können neue Verbindungen aufgebaut werden und alte Verbindungen werden abgebrochen. Während unseres gesamten Lebens, bis hin zu unserem Tod verändern sich unsere Beziehungen und auch die Kontakte zwischen den Nervenzellen in unserem Gehirn. Unser Gehirn befindet sich in einem ständigen, benutzungsabhängigen Wandel. Dadurch entsteht im Gehirn eine innere Repräsentation der äußeren Welt, vergleichbar der Beziehung zwischen einem Bild und einem Negativ.

 

 

Sexueller Missbrauch: eine traumatische Situation:

 

Was ist eine traumatische Situation? Sie kann sowohl durch einen Mangel an Signalen (keine Zuwendung, keine Berührungen) wie auch durch ein Zuviel an Signalen gekennzeichnet sein (Angst, Panik, Bedrohung). Sexueller Missbrauch ist immer eine traumatische Situation. Es ist eine Lebenserfahrung, die jedes Kind überfordert; eine Situation, der es hilflos und unentrinnbar ausgeliefert ist. Traumatische Erfahrungen überfordern das kindliche Gehirn. Es kann diese neuen Eindrücke nicht einordnen, sie keinen bekannten Erfahrungen zuordnen. Es gibt keine erlernten Strategien, auf die das Kind zurückgreifen kann, um mit dieser Bedrohung umzugehen.

Für das Gehirn bedeutet eine traumatische Situation eine sehr starke Beeinflussung seiner Aktivität. Wenn eine Elefantenherde in den Dschungel einfällt, dann überrollt sie Teile der Pflanzen, so wie die traumatische Situation das Gehirn überflutet, und danach ist vieles nicht mehr so, wie es vorher war, alte Pfade sind zerstört, Teile des Dschungels verwüstet. Das Trauma verändert das Gehirn dauerhaft.

Auch erwachsene Gehirne unterliegen diesen Veränderungen, was besonders bei der Untersuchung von Kriegserlebnissen nachgewiesen ist. Ein sich entwickelndes Gehirn wie das eines Kindes, ist noch viel anfälliger. Kinder haben einen kleineren Handlungsspielraum als erwachsene Menschen, sind hilfloser und schon allein dadurch unterscheidet sich ihr Erleben massiv vom dem Erleben Erwachsener, ihr Gehirn arbeitet anders, sie haben nicht so viele und erfolgreiche Strategien, um mit bedrohlichen Situationen umzugehen, sind auf die Hilfe Erwachsener angewiesen.

Unsere Erfahrungen, unser Erleben spielen dabei eine entscheidende Rolle für die Art und Weise, wie unser Gehirn arbeitet, wie es Informationen weiterleitet und miteinander verknüpft.

 

 

Reaktionen auf traumatische Situationen:

 

Ein erwachsener gesunder Mann reagiert auf eine Bedrohung mit einer Kampf-Flucht-Reaktion, d.h. der Pulsschlag ist erhöht, der Körper wird auf eine mögliche Flucht oder Verteidigung vorbereitet.

Ein bedrohtes Kind kann in der Regel weder fliehen, noch kann es sich körperlich verteidigen. Es muss daher andere Strategien entwickeln, um sein Überleben zu sichern. Auch bei traumatisierten Kindern finden sich immer wieder Ansätze der Kampf–Flucht-Reaktion. Sie befinden sich häufig in erhöhter Alarmbereitschaft, haben Herzklopfen, sind ängstlich. Diese Körperreaktionen können allein durch den Gedanken an traumatische Situationen ausgelöst werden und sogar generalisieren. Wurde z.B. ein Kind durch einen Mann missbraucht, so kann nicht nur das Auftreten dieses Mannes das Kind in eine erhöhte Alarmbereitschaft versetzen. Wenn jedes männliche Wesen diese Symptome in einem Kind auslöst, spricht man von Generalisieren. Alltägliche Reize, die vorher keine Reaktion hervorgerufen haben, können jetzt zu einer Überreaktion führen

 

Da für Kinder die Kampf-Flucht-Reaktion, die Mobilisierung des Körpers meistens nicht erfolgreich ist, weil sie unterlegen sind, haben sie andere Mechanismen entwickelt, um mit der Bedrohung umzugehen. Sie spalten ab, d.h. dissoziieren. Hierunter versteht man die Abschirmung von äußeren Reizen, ein Zurückziehen in die innere, eigene Welt. Die Umwelt, Menschen, Räume, Gegenstände, Geräusche, Bilder und Gerüche werden nicht mehr vollständig wahrgenommen. Je jünger ein Kinder ist, je hilfloser, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, das es abspaltet. Im Gegensatz zur Kampf-Flucht-Reaktion ist die Dissoziation mit einer verminderten Pulsfrequenz und verminderter Aufmerksamkeit verbunden. Die Bedrohung soll so weit wie möglich ausgeblendet werden.

Als erste Reaktion auf eine Bedrohung wird das Kind häufig starr und bewegungsunfähig, ein Verhalten („sich ergeben“), das auch aus der Tierwelt bekannt ist, wenn ein Tier einem anderen hoffnungslos unterlegen ist. Wenn keine Chance auf Verteidigung besteht, kann diese Starre in ein völliges Zurückziehen von der äußeren Welt, die Abspaltung übergehen. Die Dissoziation kann ganz unterschiedlich aussehen. Dazu gehören Tagträume, die Depersonalisation und die Derealisation. Bei der Depersonalisation nimmt das Kind in seiner Phantasie z.B.  die Gestalt von Helden oder Tieren an, ist ein Vogel, Löwe oder eine Märchenfigur und nicht mehr ein kleines, hilfloses Kind. Bei der Derealisation wird die Situation so erlebt, als ob man sich ein Video ansieht. Man bekommt zwar alles mit, fühlt sich jedoch unbeteiligt, weit weg. Dieses Phänomen ist auch von Soldaten bekannt, die Gefechte ähnlich erleben, wie Kinder bedrohliche Situationen.

Von außen betrachtet wirken abspaltende Menschen häufig abwesend, als ob sie nicht wirklich da sind, empfindungslos, mit glasigem Blick vor sich hinstarrend.

 

Diese Dissoziation, Abspaltung ist immer begleitet von Veränderungen im Gehirn. Wie tiefgreifend unsere Erlebnisse die Arbeitsweise des Gehirns beeinflussen können, wird an einem anderen Beispiel deutlich. Wenn man einem Menschen einen verletzten Arm amputiert, dann klagt er oft noch Wochen und Monate später über sogenannte Phantomschmerzen. Verantwortlich für diese Schmerzen, die erlebt werden, obwohl der verletzte Arm nicht mehr da ist, ist das Gehirn. Es gibt unter anderem ein Schmerzgedächtnis, das die Erinnerung an Schmerzen gespeichert hat und immer wieder abruft. So kommt es, dass viele Menschen über Schmerzen klagen, die schulmedizinisch nicht erklärt werden können, aber auf real erlebte Schmerzen, z.B. Missbrauch zurückzuführen sind. Sie werden immer wieder erlebt, weil sie im Gehirn gespeichert sind.

 

 

Fazit:

 

Es ist ein gigantischer Irrtum zu glauben, dass sich Kinder problemlos und flexibel an ihre Umwelt anpassen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Gehirn ist so wie der gesamte kindliche Körper im Wachstum begriffen und deshalb sehr verwundbar und störanfällig. Kinder haben aber nach außen hin gar keine andere Wahl, als ihr Verhalten an die äußeren Bedingungen anzupassen. Deshalb spalten sie die Situationen, die für sie unerträglich sind ab, um die Ängste, die Panik, die Existenzbedrohung nicht immer wieder hautnah erleben zu müssen. Die Entwicklung dieser Schutzmechanismen führt zu dauerhaften Veränderungen auch der Arbeitsweise des Gehirns. Deshalb leiden von Missbrauch betroffene Menschen sehr häufig ein Leben lang unter den Auswirkungen der Bedrohung in ihrer Kindheit.

Mit diesen Auswirkungen leben zu lernen heißt, sich die bedrohlichen Situationen, die verdrängt und abgespalten wurden, zurück zu holen, zu vergegenwärtigen. Dann gibt es die Chance, sie wirklich als Vergangenheit, als Erinnerung im Gehirn zu speichern, sie zu trennen von der Gegenwart. Für diese Trennung von Vergangenheit und Gegenwart ist sehr viel Mut und Kraft erforderlich. Es müssen neue Trampelpfade ins Dickicht geschlagen werden, neue Wege gesucht werden, auf denen die Informationen im Gehirn verarbeitet werden können. Jeder Ausgang ist dabei erst einmal ungewiss, angstbesetzt, es wird absolutes Neuland betreten.

Wenn ein Mensch unzählige Male die Erfahrung gemacht hat, dass sein Versuch sich zu wehren, zu noch mehr Grausamkeit führt, dann ist in seinem Gehirn die Information „ich wehre mich“ mit der Information „ich muss noch mehr leiden“  verbunden. Es erfordert unsagbar viel Mut und Geduld, das Risiko des „sich Wehrens“ trotzdem noch mal einzugehen, um heute, als erwachsener Mensch die Erfahrung zu machen, nicht mehr ausgeliefert zu sein, nicht noch mehr Schmerzen erleiden zu müssen. Genau diese neuen Erfahrungen braucht aber unser Gehirn, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, um sinnvoll auf die heutige Situation zu reagieren und nicht immer wieder die alten Strategien der Angstbewältigung anzuwenden.

Unser Gehirn ist flexibel, kann lernen und alte Inhalte überarbeiten, und das geht nicht von heute auf morgen. Man kann eine Treppe ganz schnell hinunterfallen, sie danach, mit blauen Flecken und Blessuren wieder mühsam hochzusteigen, dauert unvergleichlich viel länger, erfordert unsagbar viel Kraft.

© by Emu (geschrieben 2003)