Abwehrmechanismen / Verdrängungstaktiken

Meine ersten Erinnerungen an den Missbrauch waren entsetzlich. Neben Unglaube, Verwirrung und noch anderen heftigen Gefühlen, stellte ich mir die Frage : " Wie konnte ich nur so etwas vergessen?". Der Arzt redete von psychogener Amnesie. Gedächtnisverlust? Verdrängung? Ich?

In einem Buch stand:
Es werden Abwehrmechanismen entwickelt, die helfen seelisch und körperlich zu überleben. Diese Mechanismen resultieren aus dem Schockzustand des sexuellen Traumas und der Unfähigkeit das Trauma zu überwinden Die zentralen Abwehrmechanismen setzen sich aus Vergessen, Verdrängung, Verleugnung der Erinnerung und Dissoziation zusammen und sichern das Überleben. Sie helfen trotz des belastenden Leides in der Welt funktionsfähig zu bleiben. Im Erwachsenenalter sind diese Mechanismen immer noch wirksam, es wird weiter im "Überlebensmodus verharrt. Diese bewahren davor, in einem Zustand ständiger schmerzhafter Bewusstheit des Missbrauchs zu leben.

Ich wusste lange Zeit nicht was das für mich bedeutet. Anfangs dachte ich, dass es jedem so geht, keine Erinnerung an seine Kindheit zu haben. Jahre meines Lebens die einfach nicht in meiner Erinnerung existieren , erschienen mir normal. Nach und nach wurde mir erst das Ausmaß der seelischen Verletzung bewusst. Somit beantwortete sich die Frage, wie ich den Missbrauch vergessen konnte, fast von selbst.

Es ist von großer Wichtigkeit, die Abwehrmechanismen zu verstehen: Sie haben vor der Not und dem Leid beschützt, das durch den Missbrauch erlebt wurde und bewahrt immer noch davor, diesen heftigen Schmerz zu empfinden. Die Abwehrmechanismen funktionieren überwiegend unbewusst. Um das sexuelle Kindheitstrauma zu heilen, ist es notwendig, jene Abwehrmechanismen aufzudecken und sich davon zu trennen. Dies ist ein sehr schmerzhafter Prozess, aber nur in dem durch den alten Schmerz hindurchgegangen wird, kann die Heilung einsetzen. Mit diesem Wissen, erscheint das Leben danach vielleicht etwas klarer, aber das Umsetzen bleibt ein langsamer, Kräfte zehrender Prozess. Auch wenn ich willens bin meine Geschichte aufzuarbeiten, ganz bewusst mich meiner Vergangenheit stellen möchte, bleibt die Vergangenheit in mir, ist Gegenwart, ist noch eine Bedrohung. Durch psychosomatische Beschwerden, werde ich täglich an das Trauma erinnert. Schatten in meinem Körper, die sich ihren Weg bahnen. Ich spüre dann ein großes Unwohlsein, werde nervös und ängstlich. Manchmal gehe ich dann Joggen, um mir selbst zu entfliehen. Das Laufen entspannt etwas, aber nicht genug. Ich laufe weiter und aus dem anfänglich lockeren Laufen, wird ein verkrampfter Kampf gegen mich Selbst. Ich laufe um mich nicht zu spüren, um die Schatten der Vergangenheit zu verscheuchen. Was danach bleibt sind körperliche Schmerz, die mir allemal angenehmer erscheinen, als meine seelische Verletzung fühlen zu müssen. Ein unangenehmes Gefühl von innerer Leere versuche ich manchmal durch ein leckeres Essen zu ersticken. Wenn daraus ein Fressanfall wird, versuche ich mir durch das Essen ein Sprungtuch zu schaffen, das mich davor bewahrt in ein tiefes Loch zu fallen. Ein Einkaufsbummel wird zum Kaufrausch, meinem Hobby gehe ich oft exzessiv nach usw. Dies sind Verdrängungstaktiken die mir bewusst sind, die unbewussten Abwehrmechanismen machen mir Angst. Angst, weil ich somit die Kontrolle verliere. Oft vergesse ich unangenehme Begebenheiten vollständig. Gesprächen kann ich nicht folgen, wenn mich darin etwas an den Missbrauch erinnert und ich mich dem in dem Augenblick nicht gewachsen fühle. Diese Liste könnte ich endlos fortführen. Scheinbar Banalitäten, für manch anderen. Für mich ist es das Gefühl nicht ganz da zu sein. Das Leben nicht zu fühlen, ein Schatten meiner Selbst zu sein, etwas verloren zu haben, nämlich mich.

Oft bin ich schon durch meinen Schmerz hindurch gegangen, bis an meine Grenzen. Meine Grenzen enden dort wo die Verdrängung anfängt. Die Aufarbeitung braucht seine Zeit.

Die Balance des Lebens muss neu erlernt werden, mit seinen Hochs und Tiefs. Manchmal brauche ich eine Pause, meine Verdrängungstaktiken und Abwehrmechanismen helfen mir wohl dabei. Dies zu akzeptieren fällt schwer, denn das bedeutet, dass ich anders bin als die anderen, und genau das wollte ich als Kind nie sein.

© by Jeanette (geschrieben 2003)