Angst vor Menschen – Verlustangst

Angst – eine der Folgen des Missbrauchs.

Menschen sind für mich Wesen, die mir in erster Linie wehtun wollen, mich demütigen und verletzen. Grundsätzlich sind Menschen für mich erst einmal schlecht.

Menschen sind für mich eine Bedrohung, sie sind Gestalten ohne Gesichter, mit langen, starken Armen, die mich fest umschließen, festhalten und mir die Luft abdrücken Menschen – gleichzusetzen mit Vernichtung und Todesangst. Es fällt mir sehr schwer, auf andere Menschen zuzugehen, sie anzusprechen oder deren Fragen zu beantworten. Da ich nicht alle meine Täter kenne, vermute ich heute hinter jedem älteren Mann aus meiner Stadt einen derer, die mich damals missbrauchten.

Kommt jemand schnell auf mich zu, gehe ich automatisch in eine Abwehrposition, bin sofort in Alarmbereitschaft, aber nicht fluchtbereit. Stumm und starr erwarte ich „Böses“, erwarte Schmerz. Macht jemand eine schnellere Handbewegung, ducke ich mich und hebe den Arm zum Abfangen der Schläge, die ich erwarte. Spricht jemand lauter als allgemein üblich, überschwemmt mich die Angst und ich werde innerlich zum kleinen Mädchen. Laute Worte sind für mich mit Bestrafung verbunden, mit Bedrohung und daraus resultierende Schmerzen. Geräusche, die ich nicht sofort definieren kann, versetzen mich in völlige Panik.

Im alltäglichen Leben gibt es für mich sehr viele Triggerpunkte. Viele dieser Trigger gehen von Menschen aus. Menschen – egal ob ich sie kenne oder nicht kenne, egal ob Mann oder Frau. Menschen – haben mir sehr wehgetan. Es dauert sehr lange, bis ich überhaupt zu reden beginne und wenn, dann kippt die Stimme, es versteht mich kaum jemand und dadurch bin ich dann noch gehemmter. In einer Gruppe nehme ich eine Beobachtungsposition ein. Das bedeutet, ich höre zwar interessiert zu und verfolge das Geschehen, äußere mich jedoch nicht und vergleiche den „Redner“ mit seiner Stimme und seinen Augen. Wenn Worte, Augenausdruck und Stimmlage für mich „passen“, beginne ich ganz langsam lockerer zu werden, kann mich etwas entspannen, meine Angst ein wenig nach hinten schieben. Gerne verstecke ich mich hinter meiner Begleitperson, (ich gehe niemals alleine irgendwo hin) egal ob Erwachsener oder Kind. Hauptsache ist, ich selbst gerate nicht in den Mittelpunkt.

Wichtig ist für mich auch, immer eine „Wand“ im Rücken zu wissen. Ich hätte sonst Angst, von hinten angegriffen, überrascht zu werden, eine Situation nicht kontrollieren zu können. Ist die Angst geballt, zu sehr da, ziehe ich mich in mich selbst zurück, bin blockiert und kann nicht mehr vernünftig reagieren. Ich bin dann erstarrt. Meine Muskeln verhärten sich von der Anspannung, ich habe Herzrasen und die Atmung setzt zum Teil aus, oder ich bin abwesend, nicht da.

Oft „verschwinde“ ich automatisch aus meinem Körper. Das geschieht in seelischen Erregungszuständen, zum Beispiel, wenn die Erinnerungen kommen, oder wenn ich triggere. Oft fehlt mir dann die Zeit, ich kann mich dann nicht daran erinnern, was in dieser Zeit war, was ich getan oder gesagt habe. Der Körper ist dann nur Hülle und ich sehe mir selbst zu, verstehe aber den Sinn nicht, oder aber, ich trete in „meine Welt“ über. So kann ich mich schützen und niemand kann mir dann wehtun. Da ich dies seit meiner Kindheit tue, fällt es mir nicht schwer, schnell aus mir wegzulaufen und den Körper, in dem ich leben muss, alleine zu lassen. Heute weiß ich, dass man es auch Abspaltung nennt. Das Einfache „Guten Tag“ sagen bereitet mir Schwierigkeiten. Wenn ich dem anderen dann auch noch die Hand reichen soll, gerate ich oft in Panik. Der/ die Fremde könnte mich ja nicht wieder loslassen wollen? Nach dem Händedruck möchte ich mir dann gleich die Hände waschen. Zu meiner Angst vor Menschen gehört gleichzeitig auch das Misstrauen, die Angst, von ihnen berührt zu werden und die Angst, jeder könnte mir ansehen, was ich erlebt habe und schlecht über mich denken, mich abwertend behandeln.

Ich meide volle Straßenbahnen, Fahrstühle, Menschenansammlungen usw. Im Moment lerne ich gerade, meine Angst ein wenig zu kontrollieren. So habe ich es zum Beispiel geschafft, alleine zu einem Treffen dieses Forums mit dem Zug zu fahren, war mit einer sehr lieben Begleitperson in Berlin im Fernsehturm und bin in Begleitung beim hiesigen Rosenstolzkonzert gewesen. Das waren Situationen, auf die ich mich vorbereiten konnte, innerlich und mit Hilfe meiner Vertrauensperson. Im alltäglichen Leben stehe ich nach wie vor ängstlich und somit hilflos, jedem fremden Menschen und jeder Situation gegenüber. Darum arbeite ich mit „Masken“. Für jede Situation besitze ich so eine Maske. So merkt kaum jemand, wie es wirklich in mir aussieht, welcher Sturm der Angst in mir tobt.

Meine Angst vor den Menschen hat mich innerlich sehr einsam gemacht.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand mir - einfach nur so - freundlich gesinnt ist. Der Glaube, dass jemand mich mag, nur einzig und allein, weil ich - ich selbst - bin, fehlt. Beginne ich Vertrauen aufzubauen, habe ich Angst. Angst - dieses Vertrauen könnte missbraucht werden, mir wieder wehgetan werden. Es dauert sehr lange, bis ich jemandem vertrauen kann. Ganz vertrauen kann ich niemals, immer ist da irgendwo im Hinterkopf die Frage: „Vielleicht ist er/sie doch nur wieder falsch und wartet nur auf eine Gelegenheit mir wehzutun???“ Oft ziehe ich mich auch wieder zurück, aus Angst, zu viel Nähe zulassen zu sollen. Habe ich jemandem mein Vertrauen gegeben, habe ich Angst, diesen Jemand wieder zu verlieren, ihn zu enttäuschen oder zu ärgern, „fallen gelassen“ zu werden, wieder einsam zu sein. So versuche ich am Anfang, diesem Menschen alles Recht zu machen. Schweige liebe, bevor ich etwas Falsches sage, bin ruhig. Da ich selten rede, fällt es auch kaum auf. Bin ich vertrauter geworden und beginne, denjenigen dann etwas gern zu haben, muss ich ständig bestätigt bekommen, ob der andere auch lieb mit mir ist, ob er nicht böse auf mich ist. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn jemand, den ich mag, sauer oder böse mit mir ist. Dann fühle ich Schuld und Angst. Schuld, dass es dem anderen durch mein falsches Verhalten nicht gut geht. Angst, verlassen zu werden. Und meine Schuld muss bestraft werden, so habe ich es lernen müssen. Wer Schuld hat – wird bestraft. Da niemand merkt, wenn ich mich schuldig fühle, bestraft mich in diesen Momenten auch niemand. Also – bestrafe ich mich selbst. Den Gedanken, andere könnten auch einmal Schuld haben, habe ich nicht. Ich gebe mir immer selbst Schuld, an allem.

Dies war nur ein Versuch, zu beschreiben, wie schwer es ist, mit einer massiven Angst vor Menschen leben zu müssen. In der Zeit des Missbrauchs lernte ich, dass mein Kinderkörper begehrt war, Männer konnten ihn benutzen, konnten ihre perversen Phantasien ausleben an ihm, ihn quälen, ohne Angst vor Folgen. Das „ich“ des Kinderkörpers, ich selbst, war uninteressant, ich war ihnen egal. „ICH“ gibt es nicht mehr, schon lange nicht mehr. „ICH“ wurde zerstört, kaputt gemacht, wie eine Puppe. Viele Jahre sprach ich von mir in der dritten Person. Erst hier im Forum lernte ich mit Hilfe der anderen Betroffenen, mich als „ich“ zu sehen. Ich bin heute in der Lage von mir zu sprechen, nicht von der Person. Mich als „Ich“ zu fühlen, ist ein sehr langer und schwieriger Lernprozess, an dessen Anfang ich erst stehe. Noch immer trenne ich Kopf und Körper. Noch immer hasse ich diesen Körper, hasse ich mich. Doch heute weiß ich, warum das so ist und kann mit Hilfe und Geduld, trotz vieler Rückschritte, hoffen, dass ich eines Tages ich selbst sein werde. Denn – bevor ich die Angst vor den Menschen verlieren kann, muss ich die Angst vor mir selbst verlieren.

© by mo (geschrieben 2003)