Angstzustände

 

Ich kann mich nicht erinnern, irgendwann einmal keine Angst gehabt zu haben. Ich gehe nicht aus dem Haus, ohne mich zu fürchten, ich gehe in kein Haus, ohne die Schatten in den Ecken abzusuchen, ich höre kein Geräusch, ohne nicht wachsam zu sein. Es ist nicht so dominant-paranoid, sondern einfach da. Wenn man eine rosa Brille aufhat oder eine graue, und das nicht weiß und halt immer denkt, so sei die Welt, rosa oder grau getönt.

Lange Zeit habe ich das gar nicht gewusst; ich habe mit 12 Jahren angefangen zu rauchen und dann zwischen dem 14.-33. Lebensjahr ca. 15-20 Zigaretten täglich geraucht; mit 16 habe ich angefangen, abends regelmäßig ein Bier zu trinken. Ich habe auch phasenweise zwei getrunken, aber war so gut wie nie betrunken (weil ich dann ja gefährliche Situationen nicht mehr hätte checken können und zu wenig Kontrolle gehabt hätte). Jedenfalls hat das Rauchen und das abendliche Biertrinken zur Folge gehabt, dass ich die Angst nicht spürte. Sie ist aber immer wieder an der Seite dieses täglichen Runterdrückens hervorgequollen; ich erinnere mich an einen abendlichen Waldspaziergang mit meiner ersten großen Liebe, so mit ca. 17 Jahren; ich konnte ihn auf einmal im Halbdunkel nicht mehr ansehen, weil die Angst hervorquoll und ich sicher war, wenn ich ihn ansehe, sehe ich etwas Wehrwolfartiges, das mich zerfleischt. Oder während der Ausbildung, als der berufliche Stress durch die anstehenden Abschlussprüfungen das Runterdrücken verhinderte, da hatte ich dann mehrere Wochen so massive Angstzustände, dass ich wegen der damit einhergehenden Atemnot (antidepressive) Medikamente nehmen musste, ich konnte nur noch im Sitzen schlafen, sonst wäre ich erstickt , war mein Gefühl – leider hat da niemand nachgefragt, obwohl es definitiv keine organischen Ursachen gab, es war wohl einfacher, mich medikamentös ruhig zu stellen.

 

Meinen ersten Mann habe ich wohl unbewusst gewählt, weil er sehr viele beängstigende Verhaltensweisen hat, die mir den Täter spiegeln; das war mir damals weder bewusst, ich wusste, als ich ihn kennen lernte, auch noch nichts von dem MB, die Erinnerung kam erst nach der Geburt meines ersten Kindes. Im Nachhinein weiß ich, dass ich diese Verhaltensweisen von Anfang an klar gesehen habe, aber da ich die Angst nicht wahrnehmen konnte, die eben immer abgespalten und ignoriert wurde von mir, konnte ich meine Wahrnehmung auch nicht für mich nutzen; ich musste mich sozusagen diesem Risiko ergeben. Mein Bewusstsein und mein Unterbewusstes hielten es einfach für „normal“, Angst haben zu müssen, mich vor Übergriffen fürchten zu müssen, in der Ecke zu hocken.

Durch die hochkommenden Erinnerungen musste ich mich zumindest den deutlichsten Eckpunkten dieser Angst stellen und Entscheidungen treffen; das führte zum einen zur Trennung und Scheidung, und zum anderen habe ich seitdem kaum eine Nacht mehr gut geschlafen, weil die Angst jetzt da ist. Das konkrete Erinnern ist jetzt 9 Jahre her; die ersten drei Jahre bin ich ca. 2-3 mal pro Woche gegen 2:30 schweißgebadet in einem akuten Angstzustand aufgewacht; zu der Zeit habe ich viel Körperarbeit gemacht und meditiert, mich dadurch durch manche Punkte durcharbeiten können, und heute habe ich diese heftigen Zustände nur noch 1-2 mal im Monat. Es ist aber nach wie vor so, dass ich nicht vor Mitternacht ins Bett gehen kann und so lange Licht anhaben und lesen muss, bis ich sozusagen vor Erschöpfung eindöse. Wenn ich früher oder ohne Lesen ins Bett ginge, würde ich viel stärker diese Angstzustände haben, das wäre mir einfach zu stressig. Ich kriege einfach die Erinnerung der Dreijährigen nicht aus dem System, dass die Tür aufgeht und „er“ heranschleicht. Mit diesem Arrangement des Lange-Lesens komme ich zurecht, aber manchmal ist es auch ungünstig, weil ich dadurch grundsätzlich zu wenig schlafe und deshalb ziemlich krankheitsanfällig bin. Im Moment kriege ich es nicht besser hin. Ich muss ja damit leben. Und ich bin froh, dass es jetzt eher ein Angstzustand ist, der „etwas“ ist und vorbeigeht, als wie früher, wo ich selber ganz die Angst war. Zumindest kann ich jetzt viel mehr sehen und genießen von Dingen, die nicht beängstigend sind und mir gut tun, erlebt zu werden, und auch andererseits tatsächliche Gefahren realistisch einzuschätzen und mir beizeiten Schutz- oder Abwehrmaßnahmen vornehmen zu können. Ich fühle mich nicht mehr so ohnmächtig und ausgeliefert, ich bin mehr meine eigene Herrin und nicht ein ohnmächtiges Opfer in einer unübersehbar beängstigenden Welt. Also, auf einer Skala zwischen 0=“überwältigende Angst ohne Ende“ bis  100=“realistisch ängstlich und frei“ stehe ich derzeit, nach drei Jahren Psychotherapie und 9 Jahren Körperarbeit und Meditation bei ca. 65, schätze ich. Hoffe ich J

Das Schlimme ist, dass es keine realen Ängste sind, wie um mein Kind oder daß mein Mann einen Unfall haben könnte (wobei daran ständig zu denken wäre ja echt paranoid). Es ist ein „Rucksack“ von Todesangst und Ausgeliefertsein, dessen Inhalt eben lange Zeit, vom MB ab, alles durchtränkt hat, und jetzt schon einiges davon von mir zumindest in den Sack zurückgestopft werden konnte; aber ich muß ihn tragen, und ich weiß nicht, wie ich ihn jemals loswerden kann. Ich konnte noch niemals ohne Angst allein irgendwo hergehen, ich tue es zwar, weil ich gerne für mich bin, aber die Angst geht mit. Ich kenne es nicht, einfach irgendwo herzugehen und wasweißich die Sonne zu sehen oder mich zu entspannen bei einem Spaziergang und dabei innerlich mit einem interessanten Gedanken zu befassen. Ich bin nie ohne Angst, überfallen und vernichtet zu werden. Das macht mich manchmal sehr traurig, eigentlich bin ich davon schon zu müde, um noch wütend zu werden. Es kostet Kraft, damit zu sein. Und viele Leute, die mich für kraftvoll oder dynamisch halten, weil mein Äußeres so wirkt, können den Rucksack und die Müdigkeit nicht sehen. Weil sie das nicht kennen und nicht damit rechnen. Dadurch bin ich auch immer ein Stückweit einsam, weil ich mich dadurch so versehrt fühle, wie der Glöckner von Notre Dame mit dem Buckel. Ich kann sozusagen selber meine Schönheit nicht sehen, weil ich immer über den Buckel stolpere, und ich kann mich nicht ganz vermitteln, weil den Rucksack nicht jeder sehen kann. Das ist auch traurig, diese Einsamkeit. Meine Angst ist wie eine Verstümmelung, die niemand sieht, die mich behindert, aber wo ich auch keine Unterstützung für finden kann, weil es eben ein unsichtbarer Rucksack ist, so daß ich auch oft das Gefühl habe, nie ganz gesehen und angenommen zu werden. Natürlich hilft es, zu wissen, dass es alte Gefühle sind und sich auf Vergangenes beziehen; aber im Gegensatz zu Menschen, die nicht überleben mußten, bin ich als Überlebende gezwungen, mir das jeden Tag in einer Situation, wo die Angst wiederkommt, erarbeiten zu müssen; tief atmen, meditieren, mir bewußt machen und mich konzentrieren auf das Jetzt. „Gesundes“ Leben stelle ich mir freier vor, so wie Atmen, was man natürlicherweise aus Reflex tut; die Angst hat sozusagen meinen „Lebensreflex“ zerstört, und ich muß immer wieder darüber nachdenken, aktiv daran arbeiten, damit es weitergeht.

 

Erfolgsverbote

 

Der Mißbrauch steht in meiner Geschichte im Zusammenhang mit meiner Familiengeschichte in dem Zusammenhang, dass Frauen grundsätzlich die Klappe zu halten, sich aufzuopfern, keine eigenen Fähigkeiten haben dürfen, vor allem nicht besser sein dürfen als ihre männlichen Angehörigen. Die Angst hat ihre Wurzel in dem MB, wo mein Großvater mir als Dreijährige ein Messer an den Hals hielt, mir versprach, mich zu töten, wenn ich schreie und meinen (zweijährigen) Bruder zu nehmen, wenn ich jemandem etwas sage (so viel zu der Frage, wieso Kinder nichts sagen). Das war einfach archaisch und vernichtend. In meinen Gefühlen steht alles, was ich als Mensch an Begabungen und Fähigkeiten mitbringe, unter dem Schwert der Vernichtungsangst, daß ich, wenn ich mich zeige in meiner weiblichen Stärke und Ganzheit, dieser Vernichtung wieder erliege. Praktisch sieht das so aus, daß ich bis heute viele Dinge nicht gemacht habe, die ich hätte machen wollen, leisten können, aber „irgendetwas“ immer „dazwischen kam“, was mich daran hinderte, z.B. in der Regelstudienzeit mein Studium zu beenden. Die Neurotik dahinter bearbeite ich seit bald drei Jahren in der Therapie, aber es ist nicht einfach. Das Verbot, eine erfolgreiche Frau zu sein und die damit im Gefühl verbundene Vernichtungsandrohung wirkt  in zwei Ebenen: die eine ist konkret, das heißt, die Angstzustände verstärken sich; ich lerne gerade für meine Diplomprüfung und zucke ständig am Rechner zusammen, weil ich das Gefühl habe, mein Großvater steht hinter mir  und jetzt geht es mir an den Kragen. In der Therapie habe ich dafür viele Übungen erarbeitet, die mir helfen, diesen Angst-Schatten-Großvater-Vampir klein zu halten und rauszuschicken; aber ich kann eben nicht einfach lernen und arbeiten, sondern muß immer mal wieder eine Übung machen, damit das Abrutschen in die Angst nicht so stark wird, dass ich gar nicht mehr denken und lernen kann. Im Allgemeineren ist es so, daß ich, wenn ich einmal ein, zwei gute Tage hatte, wo ich richtig viel geschafft habe oder mich einfach beim Lernen gut gefühlt und Spaß gehabt habe, werde ich krank; dann bremst mein Körper schon, was mein Geist und meine Seele an Vorwärtsschritten begonnen haben. Eine Zeitlang war es so, daß mit jedem Leistungsschein mehr, der mich an die Uni brachte, die Erkrankungen immer heftiger und schlimmer wurden, und ich nicht wußte, wie ich so mein Diplom schaffen soll. Die Angstzustände bekomme ich ja mit den Übungen und Meditation in den Griff, aber gegen körperliche Erscheinungen (und eine fieberhafte Grippe ist ja eine Grippe, auch wenn die Ursache der Anfälligkeit in der Angst liegt, nicht in einem Virus), da kann ich wenig machen. Im Moment hält es sich die Waage; ich versuche, sehr gesund zu leben, und meine Arbeit in kleinere Portionen einzuteilen. Es hilft z.B., wenn ich das entwerte; das ist ja „nur blöde Paukerei, reine Fleissarbeit, mehr nicht“. Was schade ist, weil ich gerade etwas studiere, wo ich auch begabt für bin, und mich nicht daran erfreuen zu können, dass ich etwas gut kann und es auch tue, das ist schade. Aber solange ich diese Verbote und die Vernichtungsangst nicht verarbeitet bekomme, geht es eben nicht anders. Ich bin zuversichtlich, dass ich mit der Zeit damit fertig werde. Aber auch hier ist es eben wie das Dasein, das Leben an sich nicht einfach so möglich, mich an etwas, was ich kann, zu freuen, ich muß dafür erstens bezahlen, zweitens mir viel Arbeit machen, um damit fertig zu werden, und es ist so schwer, mit dem, was ich kann, vorzutreten und den Erfolg einfach so zu lassen. Wenn ich an der Uni etwas sage oder mache, und der Professor sagt „hervorragendes Beispiel, genau den Kernpunkt getroffen“, dann zittere ich trotzdem so, daß ich zehn Minuten nicht schreiben kann; ich habe laut etwas gesagt, und das war offensichtlich gut, und dann kommt die Angst und das Verbot. Wenigstens sage ich etwas, auch wenn ich zittere. Aber anstrengend ist es schon. Es ist immer noch dieses „kleine Mädchen werden vernichtet, wenn sie einem auffallen“. Wer weiß, wie viel Jahre ich in der Therapie noch daran arbeiten muß, um mich davon zu befreien. Und es sind Jahre meines Lebens, die mich das kostet und gekostet hat. Aber ich bin froh, daß ich überlebt habe und trotzdem erfolgreich mein Diplom mache, auch wenn ich dabei zittere und immer mal wieder krank werde und Tricks und Übungen machen muss, um am Schreibtisch arbeiten zu können. Ich bin froh, daß ich mich trotzdem traue, das zu sein, was ich bin. Das haben sie einfach nicht kaputt gekriegt.


© by Helga (geschrieben 2003)