Gefühle?

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meine Kindheit. Klar, ich weiß von einzelnen Erlebnissen, aber wie habe ich mich damals gefühlt? Ich weiß es nicht. Mit der Jugendzeit sieht es etwas anders aus. Ich erinnere mich an das Gefühl von Demütigung, Zorn, Einsamkeit, Traurigkeit und vor allem Angst. Zeigen durfte ich nichts davon. Habe ich geweint hörte ich "Warum weinst du, du hast gar keinen Grund dazu, aber ich werd dir gleich einen geben", und dann gab es schon Schläge von meinem Vater. Ich erinnere mich an Zeiten wo ich Angst hatte aufs Klo zu gehen weil ich dazu durchs Wohnzimmer, und an meinen Eltern vorbei gehen hätte müssen. Ich erinnere mich daran, wie es meine Mutter immer weiter anstachelte, wenn sie merkte daß sie mich verletzen konnte mit den Dingen die sie zu mir sagte. Manchmal hatte ich auch Glück und sie lachte mich "nur" aus wenn ich weinte. Ich erinnere mich daran, wie ich auch in der Schule nur Spott und Demütigung erlebt hatte, weil ich anders war, weil ich gelernt hatte, daß ich mich nicht wehren darf und daß es meine eigene Schuld ist. Und ich erinnere mich auch daran, wie mein Vater die Hand hob um mir gleich eine zu scheuern, weil ich es wagte für ein paar Sekunden nicht so zu tun als ob es mir Spaß macht, während er mich missbrauchte. Also lernte ich zu lachen, während ich eigentlich lieber sterben wollte. Das dominante Gefühl in meinem Leben war immer Angst. Es ist noch immer ein Gefühl das so stark und allumfassend ist, daß ich es manchmal wie einen Schmerz empfinde.

Ich wurde älter und die Zeiten änderten sich. Ich hatte im Laufe meines Lebens einiges gelernt. Ich konnte mich unter anderem wunderbar unsichtbar machen. Und ich hatte eine Distanz entwickelt zu der Welt die mich umgab. Die selbe Distanz hatte ich aber auch zu mir selbst und meinen Emotionen. Mein Gefühlsspektrum war extrem eingeschränkt. Ich konnte das intensiv empfinden was am stärksten und mir am vertrautesten war - Angst, Zorn, Einsamkeit... . Ich war so stark blockiert, daß alles mich nur sehr gedämpft erreichte. Der Rest war Leere.

Ist das so schlimm? Ja. Ich konnte niemandem wirklich nahe sein, nicht einmal mir selbst. Ich war nirgendwo zuhause. Ich konnte nichts von allem was das Leben lebenswert macht genießen. Ich wußte nicht was Liebe ist. Ich wußte nicht wie es ist richtig zu leben. Alles was ich konnte war existieren. Nur ab und zu bekam ich eine Ahnung von dem was mir entging. Ich fühlte diese unglaubliche Leere, und alles was sie ausfüllte war Angst. Und jedes mal wenn ich die Chance hatte etwas Gutes zu erleben, bekam ich wieder Angst, das einzige Gefühl das so stark war, daß es alles andere überdecken konnte. Der einzige Ort wo ich mir einen Ersatz für richtiges Leben aufgebaut hatte, war die Welt meiner Phantasie, die Welt meiner Gedanken. Dorthin zog ich mich zurück wann immer ich dazu die Möglichkeit hatte. Das "richtige" Leben hatte mir nichts zu bieten außer Angst, Einsamkeit und Leere. Ich dachte - das wars. Mehr wirst du niemals haben. So ist anscheinend das Leben. Ich hatte oft den Gedanken mein körperliches Dasein zu beenden. Ich hatte die Hoffnung, daß ich dann vielleicht für immer in der geistigen Welt leben könnte die ich geschaffen hatte.

Heute bin ich 25, und ich weiß, daß das nicht alles ist. Ich habe einen liebevollen Mann und ich habe viele Fortschritte gemacht. Ich ziehe mich noch immer oft in meine innere Welt zurück, aber es funktioniert nicht mehr so wie früher. Vielleicht liegt es daran daß ich mich doch für das Leben entschieden habe, aber es ist so schwierig. Jeder Schritt ist harte Arbeit und mein Weg ist lang. Ich fühle mich noch immer sehr abgeschnitten von mir selbst. Meine Therapeutin sagte zu mir, wenn ich etwas aus meiner Vergangenheit erzähle klingt es immer, als würde ich berichten daß es gestern geregnet hätte. Mit der Welt um mich herum ist es ungefähr so: was für andere ein Farbfilm ist, ist für mich ein Schwarz-Weiß-Streifen. Ich muß mir die Farben erst erkämpfen - immer wieder aufs neue. Im Moment bin ich dadurch aber weder in der inneren (meiner alten) Welt zuhause, noch in der äußeren. Ich fühle mich oft sehr verloren, als würde ich ewig in einer Warteschleife festhängen. Noch dazu vergesse ich sehr schnell ohne daß ich es beeinflussen kann, und daß betrifft nicht nur weit zurückliegende Erfahrungen. Viele Menschen erinnern sich gern und lebhaft an schöne Erlebnisse, ich kann das nicht. Das mag vielleicht banal klingen, aber es sind lauter Orientierungspunkte im Leben die mir fehlen. Von einem gewissen Standpunkt aus existiert für mich nur die Gegenwart wie ein einziger andauernder Moment. Für manche Menschen klingt das unter Umständen gar nicht so schlecht, aber was macht man wenn dieser Moment so ist wie ich es oben beschrieben habe? Es ist als wäre man ständig auf der Reise (bzw. auf der Flucht), und würde doch ständig an ein und demselben verdammten Ort gefangen bleiben - einem Ort zwischen den Welten. Ich habe mal einen Satz gelesen der geht ungefähr so: Nur wer sich nicht bewegt spürt seine Ketten nicht. Ich spüre sie jeden Tag, aber ich weiß, daß sie immer mal wieder ein winziges Stückchen nachgeben. Deswegen gebe ich nicht auf. Und ich hoffe, daß ich sie eines Tages gar nicht mehr brauche.

 

© by Cornelia (geschrieben 2003)