Versagensangst und andere Ängste

Solange ich zurückdenken kann, habe ich mit diversen Ängsten zu kämpfen. Nicht gleichbleibend, aber Angst dominierte mein Leben über weite Strecken. Die Ursachen sind wohl sehr komplex; sicher spielte eine Rolle, dass mein Selbstvertrauen als Kind nicht nur nicht aufgebaut wurde, sondern teilweise regelrecht unterminiert wurde. Und meine Grenzen wurden nicht geachtet, ich erlebe mich heute noch als schutzlos, auch und gerade im körperlichen Sinne.

Versagensangst. Wenn ich etwas nicht auf Anhieb konnte, dann war ich tollpatschig, oder absichtlich faul. Mitten im Studium eskalierten die Ängste dermaßen, dass ich kaum noch in der Lage war, das Haus zu verlassen. Das Studium habe ich nach vielen Jahren vollendet, nach zwei Klinikaufenthalten, langjähriger ambulanter Therapie und einigen größeren Rückschlägen. Eigentlich könnte ich stolz darauf sein, was ich unter den gegebenen Umständen geschafft habe, aber die Umstände verharmlose ich selbst nach dem Motto „es war doch eigentlich gar nicht so schlimm“. Vielmehr empfinde ich mich selbst als asozialen faulen Versager. Zwar habe ich durch die Therapie Fortschritte gemacht, aber mir kommt es so vor, als ob ich gegen einen überstarken Strom schwimmen muss. Die Zeit rennt gegen mich, nach jeder Krise weist mein Lebenslauf noch größere erklärungsbedürftige Lücken auf, und auf dem Arbeitsmarkt bin ich so nur sehr schwer vermittelbar, weil ich auch nicht mehr der allerjüngste bin. Auch heute noch bin ich eingeschränkt durch meine Ängste, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie am Anfang der Therapie.

Angst vor Frauen. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dreckig zu sein, und so bekomme ich noch heute Panik, wenn sich eine Frau mir zu schnell nähert. Wenn es zu einer "Beziehung" kam, so ging sie nicht von mir aus, und mein mangelndes Selbstbewusstsein sorgte dafür, dass ich mich schnell zum Deppen machte. Es waren vor allem ältere Frauen (und auch ein Mann); einige hätten meine Mutter sein können, und auf ihre dominante Art wussten sie, wie sie mich zu nehmen hatten. Ich denke, dass ich auch ausgestrahlt habe, dass ich ein leichtes Opfer bin, so dass ich an einen bestimmten Frauentyp geraten bin. Als zusätzliches Problem kamen noch massive Probleme im sexuellen Bereich hinzu, wodurch ich mich dann noch mehr als Versager fühlte. Heute, im nachhinein, kann ich sehen, dass ich selbst überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was Liebe ist, und auch keine Vorstellung, was ich selbst eigentlich überhaupt wollte. Ich war total fixiert auf die Frauen, mit denen ich zusammen war, auf das, was sie wollten - mich selbst habe ich dabei kaum wahrgenommen. Stattdessen habe ich ihre Macken und Gemeinheiten ertragen, in der Hoffnung, dass ich dann von ihnen nicht abgelehnt werde. Denn da war immer noch das tiefsitzende Gefühl, dreckig zu sein, und ein Versager zu sein, und da war die Angst riesig, zurückgestoßen zu werden.

Das sind nur zwei von mehreren Ängsten, die mein Leben nicht unwesentlich bestimmt haben. Daneben gab es Zeiten, wo ich verstärkt zur Hypochondrie neigte, Angst vor Hunden hatte, oder Höhenangst ein großes Problem darstellte. Unbewusst habe ich die Angst lange Zeit mit Drogen betäubt, was meinen Problemberg dann noch mehr vergrößerte. Mithilfe der Therapie bin ich aus dem größten Loch herausgekommen, aber auch dort gab es immer wieder größere Rückschläge: Ängste verschoben sich auf andere Auslöser, was darauf hindeutete, dass die eigentlichen Ursachen doch sehr viel tiefer lagen. Rückschläge gab es aber auch immer wieder, weil ich selbst die Anforderungen an mich zu hoch hänge, ich mir selbst nie vollends genügen kann. Nicht um Karriere zu machen, viel Geld zu verdienen, schöne Reisen zu machen oder ein teures Auto zu fahren – nein, einfach aus dem Gefühl heraus, ich muss das tun, um überhaupt eine Berechtigung zum Leben zu haben. So gelange ich immer wieder in den Teufelskreis, dass ich mich selbst soweit überfordere, dass ich am Ende vor lauter Panik gar nichts zustande bringe - wodurch mein Gefühl, ein Versager und asozial zu sein, noch verstärkt wird - was wiederum nach einer Phase der Resignation dazu führt, dass ich mich noch stärker antreibe.

Ein Weg aus dem Dilemma kann für mich, wie ich es heute sehe, nur darin bestehen, dass ich endlich selbst meine eigenen Grenzen entdecke und akzeptiere. Es ist kein leichter Weg, weil ich so über weite Strecken gegen den Strom einer Leistungsgesellschaft schwimmen muss, in der es vorrangig um Funktionieren geht. Und vor allem gegen den eigenen inneren Strom, da ich diese Werte selbst sehr stark verinnerlicht habe. Es ist kein leichter Weg, aber eigentlich kann es nur besser werden, wenn ich anfange, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, und mich an meinen eigenen Bedürfnissen und Grenzen zu messen.

© by Jörg (geschrieben 2003)