Wenn Essen zur Sucht wird

Ein Teufelskreis aus Essen, Nichtessen, Fressen und Kotzen. Es war nicht immer so. Ich war als Kind normalgewichtig, habe mit Genuss gegessen, mal zuviel, aber das macht jeder mal. Nebenbei viel Bewegung als Kind und alles war normal. Ich fühlte mich wohl, und das Essen hatte nie eine soooo grosse Bedeutung. Dann kam die Zeit die alles änderte.

Du bist schön, ich mag dich von allen am meisten, schlanke junge Frauen kann ich leiden, aber ist man denn mit 10 Jahren schon eine Frau. NEIN. Aber er machte mich dazu, nahm mir meine Achtung vor mir selbst, meinen Willen. Und ich begann zu fressen. Ich sage bewusst fressen. Man bleibt nicht schlank, wenn man viel frisst, man nimmt zwangsläufig zu. Und das wollte ich. Dicke sind abstossend, nicht begehrenswert. Ich wollte abstossend sein und keiner sollte mich mehr anrühren. Ich habe fast ununterbrochen alles in mich reingeschaufelt, nahm in einem Jahr 25 kg zu und so ging es immer weiter. Mit 14 Jahren schon an die 100 kg und heute sind es 135 kg. "Schau dich an! Friss nicht soviel! Fette Sau! Du widerst mich an!" und so weiter und so fort. Aber niemals WARUM. Und ich frass weiter. Mittlerweile aus Frust, denn anfassen wollte mich nun Gott sei Dank keiner mehr. Mein Panzer schützte mich. So ging es 15 Jahre.

Und dann kam der Tag, wo ich mich vor mir selbst ekelte. Nur Fett. Wo ich hinschaute. Nur Fett. Ich hasste mich immer mehr. Zunehmen wollte ich nun auf keinen Fall mehr. Aber auf`s Fressen auch nicht verzichten, denn das war mein Trost, mein Freund, mein Leben, ich war es. Was tun? So kam ich zur Bulimie. Eine ganz untypische Bulimikerin, denn ich war ja stark übergewichtig. Dieser Kreislauf aus Nichtessen am Tag, Fressen am Abend und dann Kotzen gehen, dieser Kreislauf bestimmte nun mein Leben. Ich wurde Meisterin im Planen meines Tagesablaufes. Habe zwei Terminkalender geführt, um ja nicht durcheinander zu kommen. Unangemeldete Gäste waren seitdem ein Horror für mich, mein Abend war ja ausgefüllt. Und wenn ich Besuch hatte, bin ich zum Fressen in den Keller gegangen, direkt nach dem einkaufen. Meine Einkäufe liessen immer einen 6 Personen Haushalt vermuten, aber es war oftmals eine Abendration.

Ich erfand Ausreden, warum ich soviel einkaufe, warum ich so lange im Bad war, warum ich blass aussehe, geschwollene Augen hatte, heiser war. Warum ich keine Zeit mehr für meine Freunde hatte, mich immer mehr verkroch, depressiv wurde, wenig sprach. Ich habe viele Nächte im Badezimmer auf dem Boden geschlafen, weil ich nicht mehr die Kraft hatte, aufzustehen. Ich habe jegliche Selbstachtung, den letzten Rest sozusagen, verloren. Dieses Versteckspiel kostete Kraft, sehr viel Kraft, es brachte mich finanziell an den Abgrund und ruinierte fast meine Gesundheit. Das sehe ich heute so, damals dachte ich überhaupt nicht daran. Kein Gedanke an Magengeschwür, lockere Zähne, Parodontitis, Calciummangel, chaotische Cholesterinwerte, Haarausfall, graue Haare mit 30, Hautprobleme.

Ich war stolz auf mich, das keiner merkte was los war mit mir. Irgendwann hoffte ich, das jemand merkt, was mit mir los ist, denn ich konnte nicht mehr. Ich habe nicht mehr schlafen können, hatte chronische Kopf- und Halsschmerzen, war des Lebens müde. Und dann kam die Möglichkeit meines Lebens. Mein Neurologe merkte, was mit mir los ist und legte mir nahe, eine Therapie zu beginnen. Ich bekam die Möglichkeit, in die Klinik Roseneck in Prien zu gehen, und habe dort begonnen, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und wieder essen zu lernen. Und das mit 29 Jahren.

Heute kämpfe ich jeden Tag, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster reinzufallen. Essen ist bis heute noch keine Lust für mich, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, das es noch was wird. Essstörungen sind nur therapierbar, wenn man es auch will!

© by Kesja (geschrieben 2003)