Mauern und Masken

Bitte hör was ich nicht sage!

Lass Dich nicht täuschen von mir durch das Gesicht, dass ich dir zeige,
denn ich trage tausend Masken.
Masken, die ich fürchte abzulegen und keine davon bin ich!

ABER BITTE LASS DICH DADURCH NICHT TÄUSCHEN!!!

Ich mache den Eindruck, als sei ich fröhlich, als sei alles sonnig
und glücklich in mir, innen wie außen.
Ich mache den Eindruck, als sei mein Name Vertrauen und Sicherheit
und mein Spiel Kühle und als ob ich niemand bräuchte.

ABER BITTE GLAUBE MIR NICHT!!!

Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist nur meine Maske.
Darunter ist nichts entsprechendes, dahinter bin ich, wie ich wirklich bin:
verwirrt, voller Angst, einsam und allein.
Aber ich verberge das, ich möchte nicht, dass es jemand merkt.
Beim bloßen Gedanke daran kriege ich Panik. Deshalb erfinde ich
Masken, hinter denen ich mich schutzsuchend verbergen kann.
Es ist eine kluge Fassade, die mir hilft etwas vorzutäuschen, die mich
vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde.
Dabei wäre gerade dieser Blick meine Rettung, wenn er mit Wärme,
Gefühl und Liebe verbunden wäre.
Das ist das einzige, was mir die Sicherheit geben würde, die ich mir selbst
noch nicht geben kann, weil ich es nie gelernt habe, die ich aber so sehr bräuchte.

Aber das sage ich dir nicht, ich traue mich nicht. Denn ich habe angst,
dass dein Blick nicht von Wärme und Liebe begleitet sein könnte
und ich fürchte, du würdest gering von mir denken und über mich lachen.
Dein Lachen würde mich umbringen!
Ich habe angst, dass ich tief in mir selbst nichts wert bin und dass du das
sehen könntest und mich abweisen würdest.

So spiele ich meine Fassade außen. Doch innen bin ich ein zitterndes Kind.
Ich rede daher, in gängigem Ton. Oberflächliches Geschwätz.
Ich erzähle dir alles, was wirklich nichts ist und nichts von all dem, was wirklich ist., was in mir schreit.

Bitte höre sorgfältig hin und versuche wahrzunehmen, was ich nicht sage,
was ich aber so gerne sagen würde.
Ich verabscheue diese oberflächliche Versteckspiel, dass ich da aufführe,
denn es ist unecht und ich wäre so gerne echt, ehrlich, spontan. Einfach ich selbst.

...

Auszug aus einem Text, dessen Autor mir leider unbekannt ist. Aber es passt. So und nicht anders sieht es in mir aus.

Ich habe früh gelernt...lernen müssen... zu funktionieren und perfekt zu sein...zumindest das Perfektsein zu spielen. Heile Welt spielen, jedem zeigen, dass es mir nicht schlecht geht, dass ich ok bin und sich ja keiner Gedanken machen soll.

Bevor ich anfing, die Mauern zu bauen, zeigte ich, wie es wirklich in mir aussieht. Ich habe erzählt...von dem  Missbrauch, von meiner Kindheit, an die mich kaum erinnern kann, von den Gefühlen in mir. Aber ich stieß auf Ignoranz, auf Kälte, auf Mitleid und auf Nichtglauben. Und das wollte ich nicht. Ich fing an, Masken aufzulegen. Ich lachte, auch wenn mir zum weinen zumute war. Ich machte einen auf Party, auch wenn ich mich am liebsten verkrochen hätte. Keiner sollte merken, was in mir los ist. Diese Masken wurden so perfekt, dass ich es manchmal selbst nicht gemerkt hab. Und auch heute geht es mir so. Sie sind zu perfekt. Keiner merkt, was los ist, und so fragt auch keiner, obwohl ich es mir wünsche. Von allein rede ich nicht. Auch wenn es gut tun würde. 

Und die Mauern? Oja, sie sind da, immer noch. Noch genauso hoch und dick, vielleicht sogar noch höher und dicker. Ich lasse niemanden an mich ran. Wenn jemand meine Masken durchschaut und sich mir nähern will, ziehe ich mich zurück. Ich will das nicht, offiziell zumindest nicht. Wollen will ich es, ich will nicht mehr schweigen, ich will nicht mehr allein die Flashes und Alpträume durchstehen müssen, ich will jemanden an meiner Seite haben, der mir beisteht und mich auffängt, wenn ich abstürze. Aber ich habe Angst, wieder mal enttäuscht zu werden. Ich habe Angst, dass mir wieder jemand weh tut. Ich habe Angst, wieder allein gelassen zu werden. Und deshalb lasse ich erst gar keinen an mich ran, in mich rein. Ich werde aggressiv, schlage mit leisen, aber bösen Worten um mich, um meinen Gegenüber zu verjagen. Ich tue so, als wäre ich gefühlskalt, als wäre mir alles egal. Ich werde zur Zicke, zum Kotzbrocken, so dass der Mensch, der versucht, mir nah zu kommen, von allein den Rückzug antritt und ich wieder mal den Beweis habe, dass sich eh keiner für mich interessiert. Und das klappt. So oft. Ein Erfolg. Ein fad schmeckender Erfolg. Denn in mir drin schreit es, geh nicht weg, bleib bei mir, hilf mir. Aber nur sehr wenige Menschen haben die Geduld, abzuwarten, bis ich erschöpft meinen äußeren Kampf gegen sie aufgebe. Bis ich einsehe, dass nicht jeder mir nur böses will, dass nicht jeder mir nur weh tun will.

Diese Masken und Mauern, meine Kämpfe gegen Menschen, die mir helfen wollen, sind wie Prüfungen für sie. Ich stelle sie vor eine schier unlösbare Aufgabe, und nur wer sie besteht, den lasse ich hinter meine Masken linsen, über die Mauern gucken, den lasse ich sie sogar ein bisschen einreißen.
Es ist ein Kampf, gegen diese Menschen und auch gegen mich. Und nie darf ich die Kontrolle über mich verlieren. Denn Kontrollverlust bedeutete früher, dass man mir weh tut. Ich hasse es, vor anderen zu weinen. Ich hasse es, wenn sie sehen, dass ich nicht die starke und unnahbare Frau bin, die ich jedem vorspiele.font-family:Arial'>Mauern und Masken... sie aufrecht zu erhalten, kostet so viel Kraft. So viel, dass ich keine Kraft für das Leben habe. Für das wirkliche Leben.

Und warum? Weil man mir früher sagte, ich sei selbst schuld gewesen. Weil man mir früher sagte, ich würde mir das alles nur ausdenken , ich würde zuviel lesen. Weil man mir früher sagte, ich solle mich net so haben, anderen gehts doch viel schlechter, sie haben nicht mal ein Dach über dem Kopf.  Weil ich es nicht schaffe, diese Worte, die Vergangenheit sind, von der Gegenwart zu unterscheiden. Weil ich manchmal immer noch in die Opferrolle schlüpfe, obwohl ich eigentlich die Kraft hätte, mich davon zu befreien. Ich weiß, ich habe die Kraft dazu, aber es wäre anstrengend. Und ich scheue mich davor, den steinigen Weg zu gehen, der mich zum Ziel führen würde. Statt dessen versteck ich mich hinter meinen Masken und Mauern, wo ich mir selbst nicht die Chance gebe, zu leben.

Aber ich will doch leben...

© by Das Meer (geschrieben 2003)