Wer bin ich?

Ich bin 20 Jahre alt, als ich 11 war, missbraucht worden, und männlich. Soviel vorab. Ich bin an einem bestimmten Tag geboren worden, in einem bestimmten Ort, bin da und da aufgewachsen, weiß, wann ich welche Schule besuchte, wann ich was erlebte, weiß viel über mein Leben. Aber ich habe keine Ahnung, wer ich bin.

Ich bereite mich derzeit darauf vor, den anzuzeigen, dem ich meine innere Vielzahl verdanke. Dazu ist es notwendig, den, der ich damals war, zu finden. Und das ist verdammt schwer. Wenn ich meine Freundin frage, wer sie war, als sie 11 war, kann sie mir das beantworten. Sie weiß, wer sie war, wo sie war, was sie gedacht, gefühlt hat, wer ihre Freunde waren, wie sie gelebt hat. Ich habe versucht, denjenigen, der ich war, als ich 11 war, zu finden. Es gibt ihn nicht. In mir ist niemand, der 11 oder jünger ist. Derjenige, den es gab, ist tot, und ich bin sein Nachmieter in diesem Haus, das mein Körper ist. Ich bin hier eingezogen, als er bereits verstorben war. Und doch wollte ich ihn finden. Aber um das zu schaffen, konnte ich nicht in mir selbst suchen - dort ist er nicht mehr. Ich habe Kalender meiner Eltern, Tagebücher meiner Eltern gewälzt, Schülerzeitungen von damals, habe mit Leuten gesprochen, die ihn kannten, mein damaliger Geigenlehrer. Ich habe versucht, einem Fremden auf die Spur zu kommen, ihn irgendwo in der Vergangenheit zu entdecken, so wie ein Detektiv das versuchen würde. Nur dass der Fremde einmal ich war.

Das Fiese daran ist, dass der kleine Arsch zwar wirklich gestorben ist, aber deshalb noch lange nicht tot. Es ist untot. Er kommt zurück, aber lebt nicht. Er besucht mich, manchmal. Und gleichzeitig gibt es eine Kopie von ihm auf mir. Wie wenn man seinen Bildschirm zu lange anlässt, und sich ein bestimmtes Bild einbrennt. Nur im Hintergrund zu sehen, ganz ganz schwach, man muss extrem sensibel sein, um ihn zu entdecken. Er existiert.

Damals hat er Dinge gelernt. Gut gelernt. Im lernen war ich wohl schon immer sehr schnell und gut. Er hat Reaktionen gelernt, hat gelernt, dass der, den er am meisten liebte, sein größter Feind war, obwohl er ihn liebte und von ihm wiedergeliebt wurde. Er hat gelernt, das Vertrauen dasselbe wie Schwäche ist, das wichtigste ist Schutz. Schutz vor Verletzung, was nur dann funktioniert, wenn er sich auch vor Vertrauen schützt. Liebe ist noch gefährlicher, ist sie doch nur eine Steigerung von Vertrauen. Er hat seine Lernerfolge gut abgespeichert, er hat im Geist Programme daraus geschrieben, damit der Roboter, unser Körper, diesen Programmen folgen kann, wenn er nicht mehr da ist. Ich habe wohl schon immer gut für die Zukunft geplant.


Und richtig, eines Tages war er weg. Und der Roboter funktionierte weiter, spielte die Programme ab, die ihm eingegeben wurden "Nie Vertrauen, nie Lieben, nie Öffnen, Vorsicht vor allen, Stärke nur in Dir selbst". Irgendwann in dieser Zeit bin ich hier eingezogen. In diesen Körper. Ich war hier lange Zeit fremd, fragte mich, was ich denn täte. Ich sah mir zu beim Leben, beobachtet, wie hervorragend der Roboter, und in ihm ich, die Programme erfüllte. Ich war untätig und beobachtet nur, was vorging. Ich merkte nicht, dass neben mir einer eingeschlafen war, der in dieser Zeit langsam vor sich hin starb, der Junge, der einst diesen Körper bewohnt hatte. Er war offensichtlich des Lebens müde geworden, war eingeschlafen, und starb, während ich noch versuchte, herauszufinden, was ich denn eigentlich in diesem verdammten Körper machen sollte?

Naja, irgendwann war der Junge wohl weg, denn heute ist er nicht mehr da. Ich kenne ihn nicht. Ich weiß nicht, wer er ist. Ich weiß zwar, was er mit mir zu tun haben soll, aber wirklich glauben kann ich das nicht.

Aber auch ich bin nicht allein. Ich weiß, dass irgendwo hinter mir ein Tier sitzt. Ich habe einige male erlebt, was das Tier tut. Es zerfleischt Menschen. Es stürzt sich auf Menschen, brutal, prügelt, beißt, würgt sie, bis es von seinen Opfern weggezerrt wird (vielen Dank an meine Freunde dafür). Das Tier denkt nicht. Es ist eine Art Wachhund, aber ohne Fell zum Kuscheln, ohne warme, treue Hundeaugen, ohne einen wedelnden Schwanz. Nur Muskeln, Kiefer, Zähne,. Krallen, die existente Person-gewordene Gewalt. Ich habe das Tier schon mal erlebt, weiß wie gefährlich es uns werden kann, wenn es versucht, mich mit all seiner Kraft, die nur in plumper Gewalt besteht, bestehen kann, zu verteidigen. Heute liegt das Tier an der Kette. Manchmal wird es noch wild, manchmal faucht es, springt, spuckt Geifer, schnappt nach der Welt draußen. Aber es kann nicht mehr vernichten, es ist unter meiner Kontrolle.

Es gibt noch ein Kind bei uns. Ein kleines Mädchen, fröhlich. Es tanzt lachend und singend über Kornwiesen und Blumenfelder, freut sich der Welt und an der Sonne. Lebt, um zu lachen und Freude in die Welt zu bringen. Es verwirrt die Leute um mich rum, das Mädchen kennen zu lernen, zu entdecken, wie ein 20jähriger Mann lachend und singend sich im Gras auf dem Campus wälzt. Ich habe dem Mädchen verboten, einfach so loszuspielen, wenn ihm danach ist, es muss mich um Erlaubnis fragen.

Und dann, dann gibt es noch mich. Ich bin ein Mensch, weiß wer ich bin, welche Mängel ich habe - und welche Chance. Welches Glück, mich selbst so genau zu erfahren, so viel von mir selbst offen gelegt zu bekommen, so tief in meine Eingeweide schauen zu können wie wenig andre.

Meine Freundin behauptet, es wäre nicht einfach, mit mir zusammen zu sein, da ich extreme Stimmungswandlungen hätte. Hm. Vielleicht habe ich die. Ja, vermutlich bin ich selten wirklich einheitlich. Ja, es stimmt, manchmal bin ich morgens so, und wenn wir uns mittags sehen, völlig anders. Morgens kalt und abweisend, mittags überquellend vor Liebe, nur auf Nähe und Körperkontakt und Kuscheln bedacht. Oder umgekehrt. Oder ich fauche sie an, suche nach Schwachpunkten in ihrer Verteidigung, will sie verletzten, ihr schmerzen zufügen - und mittags laufe ich lachend über die Wiese und wirble sie 10mal herum zur Begrüßung umher.

Ich bin verletzlich, empfindlich. Der kleinste Hauch von Ablehnung ihrerseits, sie, der ich doch bis zu den Knochen schutzlos ohne Schranken, Mauern, Masken ausgeliefert bin, trifft mich bis ins Mark. Rumms, es gibt keinerlei Abstufung, sofort fahren alte Programme an, die totale Abschaltung jeglicher Gefühle erfolgt. Ich bin kalt, tot, sitze in einer Festung, die ich eines Tages mal erbaut hatte, um mich zu schützen, die mich jedoch heute mehr einsperrt als schützt. Manchmal kann ich noch spüren, dass es mir in dieser Festung nicht gut geht, dass ich nach Gefühlen dürste. Das sind Momente, in denen ich das Programm ein wenig manipuliert habe, damit die Abschaltung nicht ganz so extrem ist. Ich spüre, wie weit ich plötzlich von ihr weg bin, nach deren Nähe ich mich doch gerade in diesem Moment mehr als alles auf der Welt sehne. Manchmal bricht der menschliche Anteil durch, und Tränen fallen aus meinen Augen. Ich würde nicht sagen, dass ich weine, denn weinen hat etwas mit Emotionen zu tun, weinen ist mit schluchzen, sich öffnen, verbunden. Diese Tränen sind die Tränen eines (äußerlich) Toten, sie laufen meine Wangen herunter, ohne dass ich einen Ton von mir gebe - kein Schluchzen, kein heftiges einatmen. Und meistens kommt ganz plötzlich, meistens auch für mich selbst überraschend, der Moment, an dem ich plötzlich tief einatme, mich aufrichte, mir die Tränen von den Wangen wische und anfange, über das Wetter, einen neuen Film im Kino, das Studium oder das Essen zum Abend zu sprechen, plötzlich komplett, als wäre ein Schalter umgelegt, das Thema wechsle.

Vielleicht ist es so, dass in diesem Moment die Herrschaft über den Körper wechselt, und einer in mir plötzlich die Steuerung übernimmt, der nicht so verletzlich und verletzt ist. Es fühlt sich jedenfalls für mich so an, als würde plötzlich meine Haut reißen, zu Boden fallen und daraus hervor, wie bei einem Schmetterling, tritt ein andrer Mensch, der mit der eben erfahrenen Verletzung nichts zu tun hat. Meistens brauche ich dann erstmal selbst kurz, um mich zurecht zu finden, wer ich denn grade bin, wie ich mich fühle, und dann verhalte ich mich erstmal ganz normal, als wäre alles okay. Für Meine Freundin ist das wohl sehr belastend, mich zuerst schweigen, die Zähne zusammen beißen sehn, dann plötzlich weinen ohne Regung, dann plötzlich ganz normal sein. Aber meistens brauche ich nach so einem Anfall erstmal eine halbe Stunde, um mich zu beruhigen, wieder in meiner Hülle zurecht zu finden und wieder Kontakt zu mir auf zu nehmen, und dann kann ich normalerweise, wenn alles wieder Normalzustand, mit ein wenig Distanz, ist, über das reden, was mich eben so zerstört hat.

Ich bin ich. Ich darf mich nicht darauf herausreden, dass ich manchmal nicht (nur) ich bin, ich muss Verantwortung für das übernehmen, was ich nach außen bin, denn nur mein Äußeres können die Menschen sehn. Wenn ich in dieser Gesellschaft funktionieren will, teil dieser Gesellschaft sein will, muss ich ihr ein Bild bieten, mit dem sie arbeiten kann. Also bin ich eins - und nur noch für die, die mich kennen, mehr.

 

© by Rabe (geschrieben 2003)