Geliebt werden

Ich, das Nesthäkchen nach 9 Jahren, war ein absolutes Wunschkind. Wir haben eine recht große Familie in der es immer kunterbunt und lustig zuging.

Als ich 8 Jahre alt war musste meine Mutter wieder an einigen Tagen in der Woche arbeiten gehen und mein Vater war auch erst abends zu Hause. An diesen Tagen, an denen sie arbeiten war habe ich sie schmerzlich vermisst. Oft lag ich weinend im Bett und habe darauf gewartet, dass sie endlich nach Hause kommt. Meine Mutter hatte damals dafür gesorgt, dass ich nach der Schule zu einer ihrer Freundinnen gehen konnte. Außerdem war zu dem Zeitpunkt auch noch einer meiner großen Brüder noch nach der Schule zu Hause. Wozu sich also Sorgen machen?

Zu dieser Zeit muss es irgendwann angefangen haben. Jemand fing an sich um mich zu "kümmern", hat Zeit mit mir verbracht, hat mit mir gespielt, war einfach da. Ein Mensch den ich liebte. Die "Liebe" hat den Mißbrauch an mir wohl erst möglich gemacht und nach meinen Erinnerungen zufolge wurde mir auch körperlich nie Schmerzen zugefügt. Das kann ich aber noch nicht genau sagen, weil mir viele Teile in meiner Erinnerung fehlen und ich nicht drankomme.

Für viele hier wahrscheinlich kaum nachzuvollziehen, aber ich habe immer den Körperkontakt gesucht. Das Gefühl "geliebt zu werden" ging bei mir lange einher mit Körperkontakt jeglicher Art. Ich scheue nicht davor zurück, wie viele andere es tun, sondern ich suche ihn nahezu. Gerade wenn mein Partner mich nicht mehr berührte, mich nicht in den Arm nahm oder nicht mit mir schlafen wollte schrillten bei mir alle Alarmglocken: "Er liebt mich nicht mehr"! Das stand fest!

Schon mit 12, 13, 14 Jahren bin ich immer um die erwachsenen Männer herumscharwenzelt. Habe kokettiert und geflirtet. Später dann mit 16, 17 blieb es dann oftmals nicht dabei. Sobald mir jemand zeigte das er mich mag habe ich den Körperkontakt gesucht, auch, wenn es "nur" gute Freunde waren, Jungs oder Männer die ich einfach mochte. Ich fand es schön, wenn sie mich in den Arm nahmen oder streichelten. Mich begehrten. Leider ist auch oft Sex dabei herausgekommen. Ich wollte Nähe, Zuneigung und Wärme und dachte ich bekomme das nur, wenn ich auch mit diesen Männern schlafe. Ich habe es mir quasi "erkauft" mit meinem Körper. Da bleibt es natürlich auch nicht aus immer wieder verletzt zu werden, wenn man sich nachher fragt "Und? Was hat dir das jetzt gebracht?"

Meinem damaligen Freund, den ich mit 16 kennen lernte, war ich oft nicht treu und habe ihn sehr verletzt. Ich konnte mich nicht wehren gegen dieses Bedürfnis. Oft habe ich mir vorgenommen es nie wieder zu tun, aber geklappt hat es nie. Aber ihn verlassen? Nein, niemals, denn er gab Halt, liebte und beschützte mich. Erst jetzt, 8 Jahre später kann ich verstehen was damals in mir vorging.

Oft habe ich einen Grund für mein seltsames Verhalten gesucht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich tief in mir eine Verknüpfung hergestellt habe. "Wenn ich möchte das mich jemand mag, wenn jemand Zeit mit mir verbringen soll muss ich mich anfassen lassen, muss ich meinen Körper zur Verfügung stellen, muss ich begehrt sein!" Außerdem das Liebe hauptsächlich durch Körperkontakt ausgedrückt wird. Keine körperliche Nähe - keine Liebe!

Mittlerweile lebe ich wieder in einer festen Partnerschaft und es ist das erste Mal, das ich nicht mehr den Wunsch oder Drang verspüre mir die Bestätigung bei anderen zu holen. Diese Verknüpfung ist natürlich nicht einfach verschwunden, aber ich bekomme in meiner jetzigen Partnerschaft all das was ich mir immer erträumt und gewünscht habe. Das ist der Schlüssel.

 

© by Shell (geschrieben 2003)