Warum und wie ich meinen Körper verlassen habe oder verlasse

Ich weiß gar nicht mehr so genau wie alt ich war, ich glaube 9 oder 10. Ich weiß dass der Missbrauch durch meinen Vater und seine Freunde schon ein paar Jahre lief. Mein Opa fasste mich zu dieser Zeit nicht mehr an, glaube ich.

Es war eine Nacht wie viele vorher. Ich hatte das Gefühl nicht schlafen zu können, denn einschlafen hieß "Kontrolle aufgeben". Ich weiß nicht ob ich jemals Kontrolle über das was mein Vater oder seine Freunde taten hatte, wahrscheinlich nicht. Aber ich hatte halt das Gefühl ich würde merken wenn er oder sie kommen und es würde nicht so unerwartet für mich kommen. Irgendwann als meine Mutter im Wohnzimmer schlief habe ich gespürt wie mein Vater neben mir lag. Details möchte ich hier nicht aufzählen. Fakt ist das es mir sehr weh tat und ich dachte diese Schmerzen die er mir da zufügte würde ich nicht überleben.

Ich konnte mich vor Schmerzen kaum bewegen, aber auf einmal änderte sich etwas in meinem Körper. Ich hatte das Gefühl hin und her geschaukelt zu werden. Es war wie Schwingungen. Dieses Schaukeln wurde nicht durch meinen Vater verursacht, nein es kam aus meinem inneren. Ich spürte/ hörte ein Rauschen in meinen Ohren. Dieses Gefühl was da hochkam ist schwer zu beschreiben, mir wurde wahnsinnig schwindlig. In meinem Kopf baute sich ein Druck auf der immer größer wurde. Unbemerkt was da mit mir passierte machte mein Vater weiter und weiter.

Das Geräusch in meinen Ohren wurde immer stärker und der Druck in meinem Kopf wurde immer größer, das Gefühl des Schaukelns wurde immer doller. Und dann war da der Moment als es glaube ich zum ersten mal passierte, ich verließ meinen Körper. Ich dachte nun sei es vorbei. Es war nur noch zu spüren wie ich nach oben gleitete. Ich schwebte, meine Seele schwebte an die Zimmerdecke und sah wie mein Vater mich vergewaltigte. Ich war schockiert über das was da passierte und schrie "Aufhören" aber weder mein Vater noch ich noch jemand anderes in dieser Wohnung schien mich zu hören. Mir blieb also nur tatenlos zuzusehen was da geschah. Und dennoch glich diese Vergewaltigung keiner vorher. Ich sah mich da liegen, sah mit entsetzen was da geschah ABER und das was anderes als bei den malen zuvor ich verspürte keine Schmerzen mehr. Im Gegenteil ich fühlte mich frei und erlöst. Regelrecht erlöst. Immer wieder überprüfte was ich da vernahm. Ich sah mich zwei mal einmal oben am Schrank schwebend einmal unter meinem Vater liegend. Erst als er fertig war und sich "seinen Dreck" bei mir abschmierte spürte ich wie ich wieder nach unten gleitete und auf einmal war alles wieder wie vorher. Ich spürte die Begrenzung. Ich spürte den Schmerz, ich spürte ihn und sah ihn aufstehen. Ich kuckte ihm in die Augen als er sagte na siehst Du ich wusste das es Dir Spaß gemacht hat. Und ich dachte nur, na wenn du wüsstest. Dieses Phänomen was ich hier beschrieben habe, habe ich viele Jahre regelmäßig gehabt. Immer dann wenn ich den Schmerz nicht mehr ausgehalten habe und das Gefühl hatte ich überlebe das nicht bin ich weg. Am Anfang war ich ziemlich bewegungslos, aber mit den Jahren habe ich gelernt mich da oben sogar zu bewegen. In den für mich schlimmsten Zeiten habe ich dann das Zimmer verlassen, ich habe mir vorgestellt wie ich statt im Wohnzimmer zum Beispiel im Kinderzimmer bin und kurze Zeit später befand ich mich im Kinderzimmer. Dort wartete ich bis es vorbei war und ich wieder in meinen Körper zurückkehren konnte. Ich weiss das das sicher alles unglaublich klingt. Und ich habe viele Jahre über das geschwiegen was mir da passiert ist, denn wenn ich jemanden etwas davon erzählt habe , meiner Freundin zum Beispiel dann wurde ich ausgelacht oder sie sagte "Simone entweder hast du verdammt gute Träume oder Du spinnst jetzt total. Ja und das lies mich dann schweigen über diese Sachen und ich hielt mich immer für ein bisschen verrückt, denn niemand glaubte mir. Heute kommt es noch immer vor das ich meinen Körper verlasse. Meist ist es wenn ich das Gefühl habe ich halte diesen inneren Schmerz nicht aus. Dann verlasse ich meinen Körper. Ich kann es heute bewusster wie damals. Wenn ich heute meinen Körper verlasse dann geschieht das in einem für mich blauen, warmen und angenehmen Licht. Dieses Licht ist für mich sehr vertrauensvoll.

Auch kann ich es heute bewusst herbeiführen das ich meinen Körper verlasse. Als erstes lasse ich meinen Körper entspannen. Jeden einzelnen Muskel, jeden einzelnen Knochen, jeden Gedanken lasse ich los. Ich achte darauf das mein Körper so bequem als möglich liegt. Nichts was mich irgendwo drückt sollte stören. Dann stelle ich mir oftmals, nicht immer einen Punkt im Raum vor an dem ich jetzt gerne sein möchte. Ich konzentriere mich auf diesen Punkt und versuche mich dorthin zu bewegen. Nur geistig. Und dann passiert das was beim unbewussten Abheben auch passiert. Ich schaukel innerlich hin und her. Dieses Schaukeln geht vom Kopf bis in die Zehen. Höre dieses rauschen im Ohr was ich mit einer Muschel vergleichen möchte die man sich ans Ohr hält. Der Druck in meinem Kopf wird größer, mir wird schwindlig und auf einmal ist alles weg. Das ist der Moment in dem ich meinen Körper verlassen habe. Es ist ein komisches Gefühl. Komisch und dennoch gut ! Der Rückweg fällt mir oft sehr schwer, weil ich dann wieder diese Begrenzungen spüre. Und dennoch bin ich bis jetzt immer wieder zurückgekommen, weil man mich hier unten braucht!

Für mich ist es nach wie vor eine Flucht, die ich sowohl bewusst als auch heute noch unbewusst herbeiführe. Zum Beispiel ist es so wenn ich mit meiner Familie zu tun habe das ich dann ganz oft merke das ich raus will. Ich hoffe und denke das sich das irgendwann wieder gibt!

Für mich ist es zumindest wenn es unbewusst passiert immer noch wie ein Fluch. Aber auch dagegen werde ich ankämpfen. Viele fragen mich ob ich Ihnen das beibringen könnte, aber ich weiß nicht ob das überhaupt geht. Wohl eher nicht ! Dieses Aussteigen hat mich immer geschützt und schützt mich noch heute. Und dafür sollte ich dankbar sein. Na ja ich tue was ich kann!

© by Simone (geschrieben 2003)