Waschzwang

Ich fange an mir zu vertrauen und mir zu glauben, dass meine Erinnerungen nicht nur "meine Realitaet", sondern Realitaet sind. Daher schaffe ich auch dieses zu schreiben. Ich beschreibe nicht was war, sondern nur, was ich gemacht habe als die Erinnerungen noch nicht "glaubwuerdig" waren fuer mich. Ich schreibe auch, was heute passiert. Dinge, die in mir frueher Unbehagen hervorgerufen haben, Worte oder Stimmen, Stimmungen, Bewegungen, Beruehrungen wie Umarmen, Bilder, Wortwechsel - fangen an auf einmal nicht nur Unbehagen, sondern auch Bilder im Kopf mit auszuloesen. Es gibt Situationen, in denen ich merke, dass sie mich triggern. Zusammenhaenge werden mir erst jetzt klar. Frueher, als ich "Druck" den ich noch nicht zuordnen konnte gespuert habe, bin ich kotzen gegangen. Jetzt wasche ich mir die Haende. Wasch wasch wasch. Es fuehlt sich aehnlich an wie dieses tranceartige Essen und der Weg zum Klo. Es ist, als sei ich nicht ganz bei mir. Ich bin da wie konditioniert. Ein Trigger kommt und ich stehe auf wie mechanisch, gehe ins Bad und fange an mir "bewusst" meine Haende zu waschen. Ich wasche sie wie wild. Es muss einfach weg. Die Erinnerungen. Tag fuer Tag kommen mehr. Wie ein Abbo. Ich kann das Waschen nicht kontrollieren. Ich habe ja gesagt - ja, ich kann es kontrollieren. Ich kann es ganz bewusst machen... Kanns aber nicht. Ich kann mich abhalten fuer eine Zeit, stehe dann aber umso mehr unter Druck. Manchmal wasch ich sie mir vier, fuenf oder sechs mal oder viel oefter hintereinander. Ich weiss es nicht, denn ich verliere den Ueberblick. Schraege Gedanken habe ich dabei. Sowas in der Art wie "Erst mal waschen um das groebste runterzubekommen. Dann um etwas mehr die Feinheiten und die schmutzige Seife runter zu bekommen. Dann um die Finger "klebefrei" zu bekommen...". Klingt monoton, aber mein Hirn ist in diesen Momenten nicht zu einer facettenreicheren Wortwahl in der Lage. Dabei werde ich immer schneller. Um die "finale Reinheit" zu bekommen. Ploetzlich werde ich "wach" und denk mir - quatsch Sonja. Darauf wasche ich mir die Haende "vernuenftig" und geh raus. Sie brennen so, sind geplatzt und ledrig. Ich finde immer mehr Situationen, wo man die Haende vorher und nachher besser waschen sollte. "Meine Haende sind einfach schmutzig und waren sozusagen die ausfuehrenden, handelnden." Das ist mein Gedanke dazu. Waehrenddessen moechte ich mich am liebsten voellig zerfetzen. Haut abziehen, Haare auf dem Kopf abrasieren. Ich moechte anders sein. Ich moechte nicht das haben und fuehlen. Ich moechte nicht verrrueckt werden. Ich schreibe und schreibe und schreibe. Ein kurzer Abschnitt aus meinem Tagebuch hilft vielleicht sich das vorzustellen.

"ich habe mir die haende gewaschen und weiss nicht wie lange. ich kann mich nicht erinnern an das. heiss war das wasser. glitschig die seife. sie nutzt nichts, sie ist auch nur schmutzig und fuehlt sich nicht gut an. ich war wie von sinnen. voellig bekloppt. ich habe gestoppt, als ich merkte, dass ich meine haende mit meinen naegeln gekratzt habe. ich haette mir am liebsten die haut runtergezogen. es hat so geklebt. es war wiederlich. bilder sind gekommen. so lange verschuettet. es ist schrecklich. schrecklich schrecklich schrecklich. ich wars. ich war schuld, weil ich nicht gesehen habe. ich haette es sehen muessen. andere haben das nicht mit mir gemacht und mich trotzdem gern. sagten sie. ich habe immer gezweifelt, dass sie mich gern haben, weil ich durfete ja nicht "das" mit ihnen machen. ich war wie vor den kopf gestossen. keiner hatte mich mehr gern, als es aufhoert mit 10 oder so. ich war alleine auf der welt. alleine. keiner hatte mich gern. ich war ein nichtsnutz und unfaehig. ich musste einfach die beste sein. ich musste immer der sonnenschein sein. immer fehlerlos. sie sollten mich doch wieder lieb haben. Ich habe doch scheinbar was falsch gemacht. falsch und nichtsnutz. angst. grosse angst. angst verstossen zu werden. suspicious and not able to build a new relationship with other people. my father started to drink. he was under so much pressure. es war meine schuld. weil ich bin immer ausgewichen und weg gegangen. immer wenn ich nach hause kam dann, hat er vor dem fernsehen gesessen und seine videos geschaut. die, die wir auch geschaut haben. er hat sie ausgemacht, ganz schnell hat er es, wenn ich kam. ich war verstoert. Ich habe ihn so gehasst, immer schon. immer. ich war immer wie im trance, wenn er mit seinen spruechen anfing. daher kann ich mich auch nicht immer genau erinnern. Ich haette mich wehren muessen und stopp sagen. ich habe ihn doch eindeutig nicht in die grenzen gewisen und daher ist das doch meine verantwortung."

IAngst hatte ich immer - panische Angst. Angst vor Beziehung, Angst vor Versagen und Erfolg haben, Angst vor Bewegung in mir, Angst vor Gefuehlen, Angst vor Veraenderung, Angst vor Beruehrung und Angst vor mir. Angst in der Gegenwart meines Vaters. Ich bin bis vor einiger Zeit noch "weggeflogen" wenn mein Mann und ich intim wurden. Ich bin "trockene" Bulimikerin und habe nur noch selten Panikattacken, auch die Waschzwaenge werden weniger. Sie werden weniger seit ich Ihn nicht mehr in meinem Leben akzeptiere. Seit ich Therapie mache. Seit ich mich und mein Leben annehmen lerne und mich von Ihm loese. Seit mir bewusst ist, dass ich im Grunde fuer Ihn lebe und leide. Dass ich Ihn "trage" mit meinen Emotionen und der Zerstoererei. Er hat mich emotional geformt nach seinem Spiegelbild als ich Kind war. "Mein Kind" will nicht mehr eingesperrt sein, es moechte aufatmen und wachsen duerfen. Ich habe heute, mit 29 Jahren die Freiheit zu waehlen wer ich sein will. Ich bin es Wert mein Leben zu leben.

Ich werde es ein Leben lang tragen muessen.
Ein Leben lang diese Erinnerungen haben.
Ein Leben lang lebenslang.

by Sonja (geschrieben 2003)