Mein Kind... Traum oder möglich?

Seit dem Bewusstsein, was mit mir passiert ist; wie ich benutzt wurde im Namen der Liebe von zwei Männern aus meiner Familie, ist meine Wahrnehmung sobald ich mit Kindern konfrontiert werde, sehr von Misstrauen, Angst und großer Unsicherheit geprägt.
Das äußert sich zum Beispiel in der Form, dass ich andere Menschen im Umgang mit ihren oder fremden Kindern sehr misstrauisch und ganz genau dahingehend beobachte: Wer hat seine Hände wo wie lange? Wie ist der Gesichtsausdruck des Kindes? Ist da irgendwo ein Unbehagen zu erkennen? Wie ist der Gesichtsausdruck des Erwachsenen? Ist da irgendwo eine Erregung zu erkenn, die da nicht hingehört? usw.

Dazu kommt meine eigene Unsicherheit, wenn zu mir ein Kind zum kuscheln kommt... ich habe sehr große Berührungsängste und mag dieses Kind kaum anfassen. Vielleicht die Angst, durch meine Berührung Unbehagen auszulösen. Ich weiß es nicht genau.

Auch als ich in der Situation war, einen Mann zum Partner zu haben, der eine kleine Tochter aus gechiedener Ehe hatte, holte mich meine eigene Vergangenheit auf sehr heftige Art und Weise wiedermal ein. Es ging so weit, dass ich zwischendurch ernsthaft vermutete, er missbrauche sie auch ­ ich bin fast Amok gelaufen mit diesem schrecklichen Verdacht. Er hat sich nicht bestätigt, aber mir die Augen über meine eigenen Paranoia in dieser Hinsicht geöffnet.

Ständig projeziere ich im Kontakt mit Kindern meine Erlebnisse auf sie. Meine eigenen Erfahrungen sind dann immer ganz nah und verhindern einen zwanglosen Umgang mit den Situationen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich selbst nicht erfahren habe, wie normale Zärtlichkeit zwischen Erwachsenen und Kindern ­ Eltern und Kindern ­ abläuft. Zumal mein Stiefopa und dessen Sohn mich ja auch lieben bzw. geliebt haben, wie eine Tochter bzw. Enkelin - wenn sie nicht gerade scharf auf mich waren.

Die sexualisierte Gewalt hatte in meinem Fall wenig mit körperlicher Gewalt zu tun. Eher im Gegenteil, es geschah alles unter dem Mantel der Liebe. Sehr zärtlich und einfühlsam.... Gerade das macht es sehr schwer, zu unterscheiden zwischen aufrichtiger Liebe zu einem Kind ohne sexuellen Hintergrund und eventuell doch vorhandenen entsprechenden Neigungen, wenn ich Erwachsene im Umgang mit (ihren) Kindern erlebe.

Und gerade deswegen ist es mir bis heute unmöglich einen wirklichen Kinderwunsch zu entwickeln. Ich bin inzwischen 34 Jahre alt und lebe in einer weitestgehend harmonischen Beziehung. Mein Partner ist ein sehr kinderlieber Mann; ein richtiger Familienmensch, der selbst unter 9 Geschwistern aufgewachsen ist.

Er würde gerne heiraten und Vater werden. Auch wenn es für eine solche Entscheidung in dieser knapp 7 monatigen Beziehung zzt noch zu früh ist (für mich), stellt sich mir immer mehr die grundsätzliche Frage, ob ich ihm je geben könnte, was er sich wünscht. Ein Kind; eine Familie. Möchte ich je ein Kind in die Welt setzen? Könnte ich jemals normal mit dieser Situation umgehen?

Dies ist zum Beispiel mittlerweile für mich auch in Thema in der Therapie geworden, denn ich wünsche mir sehnlichst, dieses Misstrauen endlich auf ein normales Maß herunterzuschrauben. Ich möchte nicht ständig mit diesem schrecklichen Misstrauen herumlaufen, mein Partner könnte seine Gefühle unserem Kind gegenüber nicht unter Kontrolle haben. Es wäre für alle unerträglich, würde ich ständig heimlich beobachten, kontrollieren, misstrauisch beäugen und zweifeln... Und momentan zweifle ich noch daran, diesen Impuls unterdrücken zu können.

Es gibt aber auch einen positiven Aspekt bei der ganzen Sache. Durch diese Erfahrung, bin ich - wie andere Überlebende auch - sehr sensibel in solchen Sachen und nehme Dinge wahr, die andere, unbelastete Menschen nicht wahrnehmen können, weil sie gar nicht auf die Idee kommen. Meine Vermutungen haben sich nicht immer als falsch erwiesen und einen gewissen Teil dieser Sensibilität möchte ich mir auf jeden fall bewahren und - wenn ich stabil genug bin - möglicherweise dazu nutzen, aufmerksam zu machen; Aufklärungsarbeit zu leisten und so meinen Teil dazu beitragen, dass so etwas nicht mehr so häufig passiert bzw. frühzeitig erkannt und aufgedeckt wird. Nur muß ich lernen, diese Wahrnehmung in realistische Bahnen zu lenken und meine eigenen Emotionen zu kontrollieren.

Zum heutigen Zeitpunkt ist es noch so, dass mich Diskussionen um z.B. die Verständnisfähigkeit von Kindern - ich hasse die Ansage: das versteht sie/er noch nicht; sie/er ist noch zu klein - meistens irgendwann kippen lassen und ich die Kontrolle über meinen eigenen Schmerz verliere. Und das führt dazu, dass der Sinn einer solchen Diskussion verloren geht, weil sich dann alles nur noch geschockt auf dieses heulende oder kreischende Etwas konzentriert und dabei vergisst, worum es eigentlich ging. Nämlich Kindern das natürliche Recht zuzugestehen, dass sie vollwertige Menschen sind, die viel mehr wahrnehmen als gemeinhin angenommen wird. Und das es ungemein wichtig ist, mit Kindern zu reden, zu erklären und zuzuhören. Sich klar zu machen, wie gern sich Kinder Schuhe anziehen, die ihnen nicht passen, weil sie in ihrer Phantasie bzw. in ihrer Wahrnehmung die Verantwortung bzw. Schuld übernehmen, für Dinge, die um sie herum passieren - vor allem innerhalb ihrer Familie. Und das tun sie, weil sie ein natürliches Harmoniebedürfnis haben und das Verlangen nach einem intakten Zuhause - dafür tun Kinder alles und Täter wissen das.

Und gerade, weil auch ich das weiß, möchte ich verhindern, dass ich meinem Kind durch mein Misstrauen dem Papa (oder anderen Erwachsenen) gegenüber, unerträgliches Leid zufüge. Wie sollte es umgehen können mit einer Mutter, die ständig "hinterm Schlüsselloch steht"? Die nicht offen ist für die Zärtlichkeiten, die jedes Kind braucht. Die nicht weiß, wie sie sich verhalten soll - weder Mann noch Kind gegenüber? Wie soll dieses Kind damit umgehen, ohne selbst verletzt zu werden? Ohne unter dem Mangel an Zuwendung und dem ständigen Druck zu zerbrechen. Und wie soll ich damit umgehen, das mein Mann das kann und ich nicht....ohne mich noch wertloser zu fühlen...

Soviel zu dieser möglichen Folge (nur eine von vielen) von sexuellem Missbrauch von Kindern, die sich auf das spätere Erwachsenenleben auswirkt. Es quält und verletzt. Es hindert, ein ganz normales, liebevolles Familiengefüge aufzubauen. Es macht traurig und einsam. Aber es macht auch sehend - manchmal mehr als man verkraften kann.

© by Tanja (geschrieben 2003)