Vertrauen...

ein Wort das sich durch mein Leben immer mit einem bitteren Nachgeschmack zieht.
Als Kind habe ich vertraut. Ich habe meinem Täter vertraut wenn er mir sagte das er mich lieb hat, mir nicht weh tun wird. Habe ihm dann vertraut wenn er mir weh tat als er sagte das er mir nicht weh tun wollte. Ich habe meiner Mutter vertraut das sie mich beschützt. Habe den Erwachsenen vertraut die um mich herum waren.

Mein Täter hat das, was ich ihm erzählte, immer benutzt um mir weh zu tun. Egal was ich ihm mit meinem kindlichen Urinstinkt anvertraute, er hat es benutzt, missbraucht, verhöhnt.

Dann kam hinzu das er mir das Vertrauen in mich selbst nahm. Er machte mir klar das mir niemand glauben wird, das man mich auslachen würde, das man mich bestrafen würde für das was ich sage. So setzte sich auch diese Angst in mir fest.

Irgendwann habe ich begriffen das ich nicht vertrauen darf. Habe begriffen das man mich damit verletzen kann. Und habe es nicht mehr gemacht. Nicht bewusst - ich denke das kann ein Kind noch gar nicht wirklich bewusst. Aber mein Instinkt hat mir gesagt das es besser ist das nicht mehr zu tun. Und meine Erfahrungen haben das immer wieder bestätigt.

Und doch habe ich es auch immer wieder mal versucht. Und fiel prompt auf die Schnauze. "Freunde" die mir "helfen" wollten forderten mich auf zu reden. Und haben das Wissen über mich als Bumerang dafür benutzt, mir weh zu tun. Wie oft habe ich den Satz gehört "ich werde dir nicht weh tun Bine". Und dann war es doch wieder so. Und irgendwann war mir auch als Erwachsene klar das ich nicht mehr vertrauen darf um mich selbst zu schützen. Ich darf nicht mehr denken das man mir wirklich nur zuhören will. Ich darf nicht mehr denken das man mir nie weh tun könnte. Ich darf nicht mehr denken das man an mir interessiert ist.

Die Angst davor das mir wieder jemand weh tut sitzt tief. So tief das ich viele Kontakte abblocke wenn ich merke das mir derjenige zu nahe kommen könnte. Ein Alltagsbeispiel: Die Frauen im Kindergarten. Solange wir uns im Kindergarten treffen wenn wir die Kinder dort hinbringen ist es okay. Wir reden miteinander und gehen dann wieder heim. Irgendwann kommt immer mal wieder ein "Du Bine, komm doch mal zum Kaffee vorbei, da können wir besser quatschen".... und aus ist es. Ich gehe derjenigen aus dem Weg. Ziehe mich zurück.

. Fragt man mich wie es mir geht schrillt eine Alarmglocke in mir die mir sagt das derjenige es ausnutzen wird wenn ich sage "schlecht". Fragt man mich was ich vorhabe sagt die Alarmglocke das man mich davon abhalten will. Sagt man mir das ich reden soll dann sagt die Alarmglocke das das irgendwann gegen mich verwendet werden wird..

Ich schaffe es nicht mehr voll zu vertrauen. Jeder bekommt immer nur ein bisschen von mir. Sobald ich das Gefühl habe irgendwas stimmt nicht, ziehe ich mich total zurück. Und mich aus diesem Rückzug wieder rauszukriegen ist sehr, sehr schwer - so gut wie unmöglich.

Es gibt wenig spontane Gespräche über mich bei Menschen die mir näher stehen als andere. Wenn es die gibt dann haben diese Menschen einen Status erreicht bei mir der wirklich sehr hoch ist. Und umso tiefer falle ich dann immer wieder wenn dieses Vertrauen missbraucht wurde. Wenn ich das Gefühl habe jemand ist falsch mir gegenüber oder wenn ich merke das derjenige sich nicht wegen mir nach mir erkundigt sondern weil ein eigenes Interesse daran besteht zu wissen, ob ich verletzbar bin oder nicht - das sind solche Dinge bei denen ich abblocke. Das äussert sich dann durch Ignoranz, Kälte, Härte.

Ich unterstelle keinem das man ihm nicht vertrauen kann. Ich unterstelle mir das ich es nicht darf. Aber gerade mit meinem Erlebten brauche ich Menschen denen ich vertrauen kann. Sagt mir mein Gefühl ( und das sagt es mir in 95% aller Fälle) das ich besser die Finger weglassen sollte, dann hat derjenige keine Chance je an mich heran zu kommen. Und ich habe keine Chance ihm je vertrauen zu können.

Hat jemand mein Vertrauen missbraucht - egal auf welche Weise - bin ich hart. Hart diesem Menschen gegenüber. Was andere als "stell dich nicht so an" abtun ist für mich ein wahnsinniger Kraftakt. Alles in mir schreit "Nein!" Der Schmerz der dabei jedesmal dabei ist ist so gross, das ich wieder eine sehr sehr lange Zeit brauche um überhaupt mal daran denken zu können mich wieder zu öffnen.

Den Alltag macht dieses fehlende Vertrauen oft sehr schwer. Immer misstrauisch sein, immer auf der Hut sein. "hab ich zuviel gesagt? "wird das ausgenutzt werden?"nur nichts anmerken lassen". Das sind ständige Begleiter in meinem Leben. Bevor ich sage das es mir schlecht geht beisse ich mir lieber die Zunge ab. Denn derjenige dem ich das sage könnte ja sofort die Situation ausnutzen um mir damit weh zu tun. Totaler Rückzug ist für mich die einzige Möglichkeit dann. Totaler Rückzug in mich selbst. Auf diese Art und Weise des Denkens findet man keine Freunde, kann man nicht wirklich lieben, kann man seinem Gefühl nicht trauen. Ich kann mich nicht öffnen, nicht fallen lassen, nicht einfach nur mal so dasitzen und rauslassen. Alles in mir sagt immer "pass auf". Die Gedanken die ich jeden Tag habe- über mich, die Welt und alles was damit zusammenhängt, spreche ich nicht aus. Ich bin ein sehr ruhiger Mensch geworden. In mich gekehrt und schweigend.

Die Dinge die für mich Grund eines Rückzuges sind, werden mit jeder schlechten Erfahrung die ich mache "banaler". Nach jeder schlechten Erfahrung wird es schwieriger an mich ranzukommen. Einen Vertrauensbruch wirklich verarbeiten ist etwas das ich nicht kann. Es bleibt immer und immer wieder ein Rest hängen der wieder aufflackert sobald das erste Alarmglöckchen in mir auch nur ganz leise und ganz kurz geklingelt hat.

Ich will vertrauen, aber ich kann es nicht wirklich. Mich 200% prozentig öffnen zu können ist mir in meinem bisherigen Leben nur bei einem einzigen Menschen gelungen. Alle anderen um mich herum kennen nur das von mir was ich ihnen bereit bin zu zeigen und bei dem ich weiss das - wenn das was ich zeigte mit Füssen getreten wird - ich an dem Schmerz nicht mehr zugrunde gehen werde.

Vertrauen = mich missbrauchen können, verletzen können, mir weh tun können. Vertrauen = schutzlos sein, keine Kontrolle haben, benutzt zu werden

Es gäbe noch viel mehr darüber zu schreiben.... ich schütze mich vor den Menschen und nehme mir die Chancen auf die Menschen....und es ist nicht vorbei. Das war nicht irgendwann mal so. Erfahrungen der letzten Zeit zeigen bestätigen mir wieder die Erfahrungen der Vergangenheit...

Diesen Text habe ich in zehn Minuten geschrieben. Über ihn nachgedacht habe ich viele Stunden davor. Habe abgewägt was ich rauslassen kann um zu erklären und was ich nicht rauslassen sollte damit man mir damit nicht weh tun kann. Ich habe ihn geschrieben um aufzuklären. Die aufzuklären die nichts wissen über die Folgen von Kindesmissbrauch. Aber ich habe ihn auch für die geschrieben die diesen "besonderen Status" bei mir haben. Will sie durch diesen Text darum bitten, nicht aufzugeben bei mir. Und ich habe ihn für die geschrieben die mich enttäuscht haben. Ihr sollt wissen das ihr keine Chance mehr kriegt mir nochmal weh zu tun....

© by Bine (geschrieben am 21.01.2003)