Liebe
Lehrer, Erzieher und Eltern!
Es
ist schwierig mit Kindern über das Thema Missbrauch zu reden.
Sicher, wir sagen ihnen: Geh nicht mit Fremden
mit!
Aber wir wissen auch, dass Missbrauch zum allergrößten Teil in der
Familie oder im engen Freundeskreis geschieht. Es sind oft Personen,
denen die Kinder vertrauen, die sie lieben, denen sie Loyalität
entgegenbringen.
Kinder
müssen darin gestärkt werden, Missbrauch zu erkennen, denn nur
dann können sie sich dagegen wehren.
Nur
wie macht man das?
Vor
dieser Frage stand ich vor kurzem, da ich mir vorgenommen hatte,
mit meiner 4. Klasse darüber zu
reden.
Da ich viel für Kinder schreibe, habe ich mir folgende Geschichte
ausgedacht, die von den Kindern sehr gut verstanden wurde. Der
Text soll sensibel machen für Übergriffe, aber ebenso soll er
Kindern, die bereits leidvolle Erfahrung gemacht haben ermöglichen,
über die Identifikation mit Mira, den Missbrauch als solchen zu
erkennen und sie stärken, diesen zu offenbaren.
Im
Unterrichtsgespräch konnte ich alle wichtigen Lernziele zum Thema
herausarbeiten:
1.
Es
ist möglich, dass ein Mensch, den ich gut kenne und dem ich vertraue,
mein Vertrauen missbraucht.
2.
Es
gibt gute und schlechte Geheimnisse. Wie kann ich sie unterscheiden?
3.
Ich
muss mein Wort nicht halten, wenn es sich um ein schlechtes Geheimnis
handelt.
4.
Ich
alleine habe das Recht zu entscheiden, wer mich wo berühren darf.
Ich muss keine Zugeständnisse machen, wenn ich mich dabei nicht
wohl fühle.
5.
Der
Mensch, der mich missbraucht macht etwas sehr Schlimmes, für das
er geradestehen muss. Die Gründe, warum er es tut habe
ich nicht zu vertreten. Eine Entschuldigung gibt es nicht.
Ich muss kein Mitleid haben!
6.
Ein
Mensch, der mich missbraucht hat keinen Anspruch mehr auf meine
Loyalität.
7.
Wem
kann ich mich anvertrauen?
8.
Was
soll ich machen, wenn man mir nicht glaubt? Wo bekomme ich dann
Hilfe?
Ich
habe meinen Schülern die Geschichte vorgelesen und an manchen
Schlüsselstellen eine längere Pause gemacht, so dass die Kinder
sich aufgefordert fühlten, Fragen zu stellen oder ihre Eindrücke
und eigene Erfahrungen zu schildern. Wo diese Pausen zu machen
sind, bietet der Text an, andererseits mag es auch davon abhängen,
wie die Gruppe oder das einzelne Kind darauf reagieren.
Die
Geschichte bleibt am Schluss offen, um alle möglichen Reaktionen
der Mutter mit der Klasse zu besprechen, vor allem auch den Fall,
dass die Mutter Mira einfach nicht glauben kann.
Die
Lösungen, die von den Kindern dazu herausgefunden wurden:
-
einer
Freundin davon erzählen
-
der
Tante oder einem nahen Verwandten etwas sagen
-
sich
der Lehrerin anvertrauen
Den
Hinweis auf Kindernotrufstellen
und wie man sie erreicht, erhielten die Kinder ergänzend von mir.
Die
Klasse nahm das Thema mit großer Spannung und Beteiligung auf.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie bei den Kindern Angst erzeugte.
Der vorherrschende Tenor war Entrüstung, Wut und Aggression gegen
den Missbraucher. Es entwickelten sich lebhafte Phantasien, wie
man sich wehren könnte, die zwar zumeist wirklichkeitsfern waren,
aber zeigten, dass meine Intention, die Kinder zu stärken und
wehrhaft zu machen, Früchte trug.
Der
Text eignet sich für Kinder ab dem Grundschulalter.
Ich
geben ihn frei zum privaten Gebrauch und zum Gebrauch an Schulen
und Einrichtungen, die sich mit dem Thema befassen. Alle
Veröffentlichungsrechte bleiben bei mir.Über
Rückmeldungen würde ich mich freuen. Mehr dazu unter www.brigitte-endres.de
Brigitte Endres