|
|
|
|
Miras
Geheimnis Brigitte
Endres
|
Miras
Geheimnis Brigitte Endres Es läutet.
Papa steht vom Tisch auf und geht zur Haustür.
„Du bist es Rudi!“, hört Mira ihn sagen.
Sie kriecht ganz tief in ihren Stuhl hinein.
„Du kommst genau richtig zum Abendessen. Da wird Mira sich aber
freuen!“
Mira hört die beiden Männer an der Garderobe hantieren. Gleich kommt
er rein!, denkt sie.
„Setzt dich grade hin!“, befiehlt Mama und gibt Mira einen kleinen
Schubs. Widerwillig richtet sie sich auf.
„Seht mal, wer gekommen ist!“, sagt Papa und schiebt seinen Schulfreund
in die Küche.
Mira heftet ihren Blick fest auf den Teller.
„Willst du Rudi nicht guten Tag sagen?“, fordert Papa sie auf.
„Mir ist schlecht!“, presst Mira heraus, springt vom Stuhl und rennt
so schnell sie kann ins Badezimmer.
Mama kommt ihr nach.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte sie. „Eben ging es dir doch
noch gut!“
„Bauchweh“, sagt Mira leise.“
„Dann ist es wohl besser du machst dich fertig fürs Bett. Ich komme
nachher noch mal zu dir rauf.“ Mira schaut in den Spiegel. Ein zehnjähriges Mädchen
mit blonden Haaren und Sommersprossen sieht ihr entgegen.
Ein ganz normales Mädchen! - Kein normales Mädchen!
Nicht mehr seit heute! Flüchtig putzt sie sich die Zähne. Aufs Duschen verzichtet
sie. Sie will heute nicht im Bademantel über den Flur laufen. Im
Kinderzimmer wühlt sie ein langärmliges Nachthemd aus der Kommode.
Hastig zieht sie es über und schlüpft ins Bett.
Hoffentlich kommt er nicht mit, wenn Mama gute Nacht sagt, denkt
sie. Mama streckt den Kopf durch die Tür.
„Du bist ja schon fertig!“
Sie kommt herein, setzt sich ans Bett und legt ein Päckchen auf
den Nachttisch.
„Was hast du denn da an?“, wunderte sie sich. „Mitten im Juli ein
Flanellnachthemd. Ist dir etwa kalt?“
Mira nickt. Mama macht ein besorgtes Gesicht und legt ihre Hand
auf Miras Stirn.
„Fieber hast du nicht. Aber vielleicht brütest du ja was aus. Schade,
ausgerechnet heute, wo Rudi da ist. - Ach ja! Schau mal, das hat
er dir mitgebracht!“
Mama deutet auf das Päckchen. Mira wendet den Kopf ab.
„Willst du nicht wissen, was drin ist?“, fragt die Mutter erstaunt.
„Morgen“, sagt Mira leise.
„Dir scheint es wirklich nicht gut zu gehen, wenn du nicht mal neugierig
bist, was Rudi dir mitgebracht hat. Er verwöhnt dich aber auch zu
sehr. Immer die vielen Geschenke! Er hatte schon einen Narren an
dir gefressen, als du noch ein Baby warst.“
Mira fühlt einen dicken Kloß im Hals.
Mama hat Recht. Sie kennt Rudi von klein auf und sie hat sich bisher
immer gefreut, wenn er kam. Er hat ihr das Meerschweinchen geschenkt,
ihr das Rad fahren beigebracht und das Schwimmen. Aber jetzt gibt es das Geheimnis, das Geheimnis, das
alles kaputt gemacht hat. „Morgen geht es dir bestimmt besser.“ Mama steht auf
und geht zur Tür. „Mama?“
Die Mutter dreht sich um.
„Brauchst du noch etwas?“, fragt sie.
Mira schüttelt den Kopf.
„Was hast du auf dem Herzen?“
Mama kommt zurück und setzt sich wieder ans Bett.
„Das darf ich nicht sagen“, sagt Mira mit tonloser Stimme.
„Ich habe es versprochen.“
„Wenn man was versprochen hat, soll man es auch halten“, erwidert
Mama und stopft die Decke um Mira fest.
Mira nickt.
„Ich weiß!“
Sie dreht das Gesicht zur Wand.
„Gute Nacht, Mama!“
Die Mutter beugt sich über sie.
„Aber es gibt auch Ausnahmen. Es gibt nämlich gute und schlechte
Geheimnisse. Über schlechte Geheimnisse darf man sprechen, man muss
sogar.“
Mira wendet sich wieder um.
„Wie merkt man, ob es ein gutes oder ein schlechtes Geheimnis ist?“
„Das spürt man. Gute Geheimnisse machen Freude, z.B. die Vorfreude,
wenn man jemandem ein Geschenk machen will. Schlechte Geheimnisse
machen Kummer und bedrücken einen“, erklärt Mama und schaut Mira
prüfend an.
Mira weicht ihrem Blick aus.
„Ich glaube, du musst erst darüber nachdenken, ob dein Geheimnis
gut oder schlecht ist“, meint Mama. „Vielleicht sollten wir morgen
darüber sprechen.“
Sie gibt Mira einen Kuss, knipst das Licht aus und geht aus dem
Zimmer. Mira zieht die Decke über den Kopf und versucht einzuschlafen. Plötzlich spürt sie eine große Hand auf ihrem Bein.
Die Hand kriecht hoch, immer weiter, immer weiter, dahin, wo niemand
hinfassen darf! Mira will sich wehren, aber sie kann nicht. Sie
ist wie gelähmt. Sie muss die Hand über sich ergehen lassen.
Mira schreit. Das Licht im Kinderzimmer geht an.
„Hast du schlecht geträumt?“
Papa kommt ans Bett. Sie klammert sich an ihn. Er wischt ihr den
Schweiß von der Stirn.
„Willst du ein bisschen zu uns runterkommen? Wir sitzen mit Rudi
noch im Wohnzimmer und plaudern.“
Mira sieht ihn entsetzt an und schüttelt heftig den Kopf.
„Dann versuch, wieder einzuschlafen! Ich lass die Tür einen Spalt
offen.“ Der Traum sitzt Mira noch in den Gliedern. Nein, einschlafen
will sie nicht mehr. Der Traum könnte wiederkommen.
Der Traum hat mit dem Geheimnis zu tun!
Sie hat solche Angst!
Was ist, wenn er Recht hat und die Eltern mir nicht glauben?, denkt
sie.
Mira wälzt sich verzweifelt von einer Seite auf die andere. In letzter Zeit war Mira aufgefallen, dass Rudi öfters
versucht hatte, sie anzufassen, ihr im Schwimmbad beim Abtrocknen
zu helfen oder ihr eine Turnübung auf dem Teppich zu zeigen, aber
sie hatte sich nichts dabei gedacht.
Doch seit er sie heute auf dem Schulweg abgepasst hatte, um sie
nach Hause zu fahren, weil er angeblich zufällig vorbeigekommen
war, weiß Mira nicht mehr, was sie von Rudi halten soll. „Hast du nicht Lust, einen Abstecher zum Fluss zu
machen? Ich bringe dir das Wassermännchen-Werfen bei!“, hatte er
plötzlich vorgeschlagen.
Rudi ist Weltmeister im Wassermännchen-Werfen. Er kann einen flachen
Stein auf der Wasseroberfläche bis zum anderen Ufer tanzen lassen.
Mira denkt daran, wie sehr sie sich zuerst über seine Idee gefreut
hatte.
Rudi war sehr geduldig gewesen. Unermüdlich hatte er geeignete Steine
gesucht und ihr die Technik erklärt. Dabei hatte er ihr die Hand
geführt und sie ganz fest an sich gedrückt.
Unangenehm fest! Schließlich hatte er sich ans Flussufer gesetzt und
sie zu sich hinuntergezogen.
„Meine kleine Mira,“ hatte Rudi gesagt. „Du bist so ein hübsches
Mädchen geworden.“
Und auf einmal war Rudi seltsam fremd. Mira zieht die Decke noch ein bisschen weiter hoch.
Es war so schrecklich!
Rudi beginnt sie zu streicheln. Sie versucht ihn abzuwehren,
aber seine Hände werden immer unverschämter. Sie will aufstehen und davonlaufen. Aber er hält sie
zurück.
„Stell dich nicht so an! Wenn man sich lieb hat, darf man sich streicheln.
Du hast mich doch auch lieb?“
Mira fühlt sich angewidert, versucht den Händen auszuweichen. Aber
sie schafft es nicht. Er ist viel kräftiger. Die Hände machen was
sie wollen. Plötzlich entdeckt Mira zwei Spaziergänger.
„Da kommt jemand!“, ruft sie.
Rudi lässt sofort von ihr ab.
Mira springt auf und läuft weg. Rudi rennt ihr nach.
„Jetzt warte doch mal!“, schreit er und hält sie fest. „Ich fahre
dich heim!“
Aber das will Mira nicht. Sie kennt den Weg nach Hause. „Das bleibt aber unser Geheimnis!“, sagt Rudi eindringlich.
„Deine Eltern glauben dir das sowieso nicht. Ich bin der beste Freund
deines Vaters. Wir kennen uns von Kind auf. Wenn du was sagst, denken
alle schlecht von dir. Alle werden denken, du lügst! Und dann sind
deine Eltern sehr traurig. Das heute, bleibt unter uns! Versprich
es!“
Mira nickt. Sie will bloß eines: Er soll sie loslassen!
„Wir bleiben doch Freunde? Oder?“, fragt Rudi. „Es ist doch schön,
wenn man sich lieb hat.“
Er zieht den Autoschlüssel heraus und geht zum Parkplatz.
Mira rennt davon. Jetzt liegt sie im Bett und ist schweißgebadet.
Unten geht die Wohnzimmertür.
„Gott sei Dank! Er geht weg!“, denkt Mira erleichtert.
Sie hört, wie sich die Eltern von Rudi verabschieden und die Haustür
hinter ihm ins Schloss fällt. Sie steigt aus dem Bett und läuft hinunter.
Mama räumt Gläser in den Geschirrspüler.
„Mama!“
Mama dreht sich nach ihr um.
„Es ist ein schlechtes Geheimnis“, sagt Mira
.
Dieser
Text darf für unterrichtliche und erziehliche Zwecke verwendet werden.
Alle kommerziellen Vervielfältigungsrechte liegen beim Libelli-Verlag,
Fuldatal. www.libelli-verlag.de
info@libelli-verlag.de
|
|