Am
Anfang fragt man sich als Leser "was soll das denn????".....
zum Schluss wird man Tränen in den Augen haben. Dann hat
man kapiert! Für alle Betroffene: Vorsicht! Dieser Text triggert
mächtig.... aber er muss sein. Richard
Wolf:
Im Haus der Provider
oder: wie man vor aller Augen Kinder fickt
Jemand
hat mir gesagt, ich solle nicht "Ficken" sagen, und wenn ich
schon "Ficken" sage, solle ich es nicht gleich in der Überschrift
verwenden. Das Wort "Ficken" schrecke ab, vor allem im Zusammenhang
mit dem Wort "Kinder", oder es stimuliere, was abhängig davon
sei, auf welchem Planeten man gerade lebe und wie man dort seine
aktuelle sexuelle Präferenz bezeuge.
Bei
gründlicher Betrachtung gibt es für das, worüber ich sprechen
werde, noch kein angemessenes Wort. Selbst das Wort "Ficken"
ist, sogar in seiner eigentlichen Härte, noch eine Verniedlichung,
schon aus dem Grund, daß man es heutzutage zu jeder Gelegenheit
und aus jedem Mund hören kann. Viele gebrauchen dieses Wort,
um bestimmte Affekte abzureagieren, andere, um sich gegenseitig
zu beleidigen. Regelmäßig gebrauchen es Autofahrer, um ihre
vermeintlichen Revieransprüche zur Geltung zu bringen, oft bei
heruntergelassenen Scheiben, in Verbindung mit einer zur Faust
geballten Hand, aus der der Mittelfinger steil nach oben gerichtet
ist. Ebenso wird es häufig in dem Medium verwendet, das man
Fernsehen nennt, obwohl man dort weit seltener in die Ferne
sieht, als man selber glaubt. Vielmehr als das, kann man mit
Hilfe seiner Fernbedienung in die Tümpel seiner fortgesetzt
degenerierenden Nachbarschaft blicken, wobei man ebensogut aus
dem Fenster schauen könnte. Es gibt auch immer noch Leute, die
sich nicht abgewöhnen können, dieses Wort zu gebrauchen, um
den Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen zu vulgarisieren,
sogar noch, wenn es sich dabei um sie selber handelt.
Kürzlich
sah ich auf der Straße ein etwa neun Jahre altes Mädchen, das
mit einer Stimme voller Verachtung seinem gleichaltrigen Spielkameraden
ein wütendes "Ich fick dich!" hinterherbrüllte. Ich werde darauf
noch zurückkommen.
Obwohl
das Wort "Ficken" durch den häufigen Gebrauch derart verschlissen
ist, daß es scheinbar kaum noch jemanden erschüttern kann, habe
ich mich entschieden, es zu verwenden, um genau dies zu versuchen:
Sie zu erschüttern. Ich möchte Sie in die Enge treiben, Ihr
Herz ergreifen, auch Ihren Körper. Ich möchte Ihnen die volle
Bedeutung dieses Wortes zurückgeben, seine ganze Härte. Auch,
daß Sie dieses Wort nie wieder ohne den Gegenstand, den ich
hier behandeln werde, denken und fühlen werden. Dazu werde ich
mir auch zu nutze machen, daß dieses Wort, das Wort "Ficken",
immer dann im Volksmund auftaucht, wenn irgendwo ein Sexualverbrechen
an einem Kind bekannt wird, weil genau dann der alte Schrecken,
den dieses Wort hervorruft, und seine eigentliche Bedeutung
auf vollkommene Weise in Erscheinung treten. Sätze wie "Dieser
Perverse da hat das Kind gefickt", kann man dann oft an der
Frontwand des Hauses lesen, in dem der Täter mit seiner Familie
wohnt.
Ich
weiß nicht, ob mir irgend etwas von dem gelingen wird, was ich
mir vorgenommen habe. Mag sein, Sie werden nur müde gähnen,
mich als einen weiteren Spinner abtun, der Ihnen Ihre Zeit stiehlt,
und sich dann zur Seite drehen und weiterschlafen. Aber ich
habe so etwas wie eine verrückte Hoffnung, es könnte mir dennoch
gelingen, Sie in Bewegung zu bringen. Natürlich werde ich nicht
von Ihnen verlangen, daß Sie fünf Schritte auf einmal gehen
und mit einem Mal alles zu ändern versuchen. Nur Verrückte würden
so etwas von Ihnen verlangen. Wahrscheinlich würden auch nur
Verrückte fünf Schritte auf einmal gehen. Sehen Sie, ich bin
bescheiden, ein kleine Drehung von Ihnen würde mir schon ausreichen.
Ganz
am Anfang wollte ich das Wort "Ficken" nicht gebrauchen, ich
hatte zuerst das Wort "Foltern" favorisiert. Ich fand aber bald,
daß das Wort "Foltern" gerade die sexuelle Ausdehnung meines
Gegenstandes nur mangelhaft trifft, da die Folter im heutigen
Sprachgebrauch als etwas verstanden wird, was einer Person von
einem Träger staatlicher Gewalt oder auf dessen Veranlassung
hin vorsätzlich starke körperliche oder geistig-seelische Schmerzen
oder Leiden zufügt, um von ihr oder einem Dritten eine Aussage
oder ein Geständnis zu erzwingen.
Dies
ist hier nicht der Fall. Die Gewalt, von der ich sprechen werde,
ist zwar ebenso eine, die einhergeht mit Macht, Dominanz, Unterdrückung,
Furcht, Schmerz und dem absoluten Schrecken, aber sie ereignet
sich im persönlichen Lebensbereich. Die meisten Kinder, die
gefickt werden, stehen mit dem, der sie fickt, in einer direkten
Beziehung.
Auch
fand ich den Begriff Vergewaltigung zu eindimensional, um dem
massenhaften Ficken von Kindern gerecht zu werden, obendrein
zu sehr verortet mit dem, was Männer für gewöhnlich Frauen oder
Mädchen nach oder während der Pubertät antun. Es ist allerdings
in der Tat so, daß diese Kinder vergewaltigt werden, aber es
findet eben noch mehr statt. Tatsache ist, daß diese Kinder
nicht nur vergewaltigt werden. Sie werden auch
vergewaltigt, und sie werden ebenfalls gefickt.
Sie
müssen wissen, daß die Männer, die diese Kinder vergewaltigen,
nicht zwangsläufig die sind, die sie ficken. Die, die sie ficken,
das sind die, die im Haus der Provider sitzen und darauf warten,
daß jene, die vergewaltigen, immer wieder neue Kinder vergewaltigen,
damit sie sie anschließend per Mausklick ficken können. Andererseits
wird kaum jemand ernsthaft bestreiten, daß auch die, die Kinder
vergewaltigen, zu denen zählen, die sie ficken, weil sie von
denen, die sie per Mausklick ficken, dafür bezahlt werden, daß
sie sie vergewaltigen.
Das
"Ich fick dich!" dieser Männer ähnelt verblüffend dem des Mädchens,
das es seinem Spielkameraden hinterherbrüllt. Dieses "Ich fick
dich!" sagt: "Du bist für mich der letzte Dreck! Ich verabscheue
dich! Ich fick dich! Ich kann das! Keiner wird mich daran hindern!"
Jemanden
zu ficken, das bedeutet nicht unbedingt, den Koitus zu vollziehen.
Das bedeutet auch, Lust zu haben, den anderen zu erniedrigen
und zu demütigen. Es bedeutet, ihn zu verhöhnen und ihm zu zeigen,
daß man mit ihm machen kann, was man will. Im Krieg, etwa nach
einer gewonnen Schlacht, sprachen die Sieger davon, daß sie
ihre Feinde gefickt hatten. Ein Palästinenser nahm sich in den
siebziger Jahren das Leben, weil er sich durch die Bemerkung
eines Israeli in seiner Ehre gefickt sah.
Wo
ich von Kindern sprechen werde, genauer gesagt, von Kindern,
die von erwachsenen Männern zum Opfer von deren sexueller Präferenz
gemacht werden, kann ich zumindest nicht von Geschlechtsverkehr
sprechen. Geschlechtsverkehr, das ist etwas, das Erwachsene
für gewöhnlich miteinander haben, nachdem beide ihre Einwilligung
gegeben haben. Selbst wenn es sich um mehr als nur zwei Erwachsene
handelt, die miteinander Geschlechtsverkehr haben, haben alle
Beteiligten ihr Einverständnis bekräftigt. Gelegentlich spricht
man auch vom Liebesakt, wenn man vom Geschlechtsverkehr spricht.
Da
das, worüber ich sprechen werde, mit allem anderen zu tun hat,
aber gewiß nicht mit Liebe, und da die Kinder, von denen ich
sprechen will, nicht eingewilligt haben, Geschlechtsverkehr
mit erwachsenen Männern zu haben, werde ich "Ficken" sagen.
Ich werde es oft sagen. Ich werde sagen, daß erwachsene Männer
Kinder ficken, in diesem Land, vor aller Augen. Ich werde auch
sagen, daß alle zusehen, denn alle wissen es, was für ein Skandal.
Ich
werde mich außerdem weigern, einen Unterschied zu machen zwischen
denen, die die Kinder faktisch ficken und die Bilder dieses
Fickens ins Haus der Provider stellen und dort kursieren lassen,
und den anderen, die die Kinder nur im Kopf ficken, obwohl es
natürlich den Unterschied gibt, daß die einen faktisch vergewaltigen,
während die anderen "nur zusehen". Doch die, die Kinder im Kopf
ficken, sind letztendlich genau die, die es möglich machen,
daß die anderen die Kinder tatsächlich vergewaltigen und ficken,
um wiederum jene bedienen zu können, die die Kinder im Kopf
ficken.
Das
Ficken von Kindern ist, wie so vieles heutzutage, eigentlich
wie das meiste, ein Geschäft. Es gibt einen Markt für das Ficken
von Kindern, das ist wirklich wahr. So wie es einen Markt gibt
für Erdöl, Kaffee oder Bananen, gibt es einen Markt für das
Ficken von Kindern. Grundsätzlich herrschen auf dem Markt Gesetze.
Die Gesetze lauten: Angebot und Nachfrage, und meistens bedingen
sie sich gegenseitig. Das gilt ebenso für den Markt, auf dem
Kinder gefickt werden. Da ist nichts zu differenzieren, zumindest
nicht für mich. Sehen Sie, es ist schon entsetzlich genug, ökonomische
Begriffe, Kinder und Ficken in einem Atemzug zu gebrauchen.
Nach
Mitternacht sehe ich in der ARD die eindringliche Reportage
"Geheimoperation Kathedrale" über den Kinderpornographie-Club
"Wonderland". Der gut gemachte Beitrag korrespondiert mit vielen
Informationen, die ich von M. zu diesem Thema bekommen habe:
Kinder als Ware, verschleppt, mißbraucht, gemartert, beim Mißbrauch
und der Tortur gefilmt und anschließend weggeworfen, wie Abfall.
Die
Kinder, die es überleben, sind für den Rest ihres Lebens beschädigt.
Sie sind zerbrochen, wirken bruchstückhaft und wie durchlöchert.
Sie sind unfähig, Beziehungen einzugehen oder Beziehungen aufrecht
zu erhalten, weil sie unfähig sind, zu vertrauen. Sie leben
in einem inneren Land, das einem kalten Planeten gleicht, der
von jenem Land, in dem Sie leben, durch eine massive Grenze
getrennt ist. Alle Versuche, ihr Land dauerhaft zu verlassen,
um etwa bei Ihnen und Ihresgleichen zu leben, scheitern fast
immer.
Die
Erfolge der Ermittlungsbehörden sind marginal, auch wenn ihnen
gelegentlich, wie bei der "Geheimoperation Kathedrale", ein
großer Coup gelingt. Gleichzeitig herrscht bei den Providern
und in deren Umgebung eine unglaubliche Arroganz, zugleich mit
kaum verhohlener Gier und einem seltsamen, atemraubenden Stumpfsinn,
auf den man kaum etwas Intelligentes erwidern kann. Auch die
Männer, die Kunden, jene, die im Haus der Provider leben und
dort ein- und ausgehen, sind auf eine unerhörte Weise unempfindlich
gegenüber dem Anderen, dem Kind, das für sie eine Ware ist,
die sie kaufen, verkaufen oder tauschen können. Diese Männer,
die keine Männer sind, denen man schon aus der Entfernung ansieht,
daß sie Kinder ficken, sie lassen keinen Zweifel daran, daß
sie alles tun würden, um an neue Bilder zu kommen, um neue Kinder
zu sehen.
Bilder
von nackten Kindern, Kindern mit unnatürlich gespreizten Beinen,
Kindern bei der Fellatio mit erwachsenen Männern. Bilder von
an Füßen und Armen aufgehängten Kindern, gefesselten und geknebelten
Kindern, Kindern in der schwarzen Montur einer Domina, Kindern
mit den Genitalien von erwachsenen Männern in jeder ihrer Körperöffnungen.
Bilder von acht Jahre alten Kindern. Bilder von sechs Jahre
alten Kindern. Bilder von elf und zwölf Jahre alten Kindern,
aber ohne Schambehaarung, auf dieses Detail legen jene Männer
großen Wert. Bilder von vier Jahre alten Kindern, sogar von
Säuglingen. Bilder von Mädchen, und Bilder von Jungen. Auch
Bilder mit Tonspur, auf der die Schreie und das Flehen dieser
Kinder zu hören sind. Die mit der Tonspur sind sehr gefragt.
Diese Männer würden wirklich alles tun für solche Bilder, sie
würden sterben für den Genuß, den ihnen diese Bilder verschafften.
Wieder
sitzen wir bei ARD und ZDF in der ersten Reihe – aber warum
erst nach Mitternacht? Selbst wenn es sich bei "Geheimoperation
Kathedrale" um eine Wiederholung handelt, die irgendwann einmal
zu einer besseren Sendezeit gezeigt wurde, ist das kein Grund,
einen Beitrag von solcher Brisanz und Aktualität ins Nachtprogramm
zu verbannen. Wem also nutzt es, daß solche Beiträge nicht um
zehn Uhr am Abend gezeigt werden? Und sind die, die entscheiden,
daß solche Beiträge nach Mitternacht gesendet werden, identisch
mit solchen, die möglicherweise die Produktion einer solchen
Reportage zwar nicht verhindern konnten, durch einen späten
Sendeplatz wohl aber eine breit angelegte Diskussion darüber
– Mitglieder eines anderen "Wonderland"?
Solche
Sätze fordern sofort zum Widerspruch geradezu heraus, das ist
mir völlig klar. Aber man soll mir ruhig widersprechen. Mir
einen Sendeplatz nach Mitternacht erklären, wenn es um so etwas
geht wie das Ficken von Kindern. Mir dabei auch das begreiflich
zu machen versuchen: das massenhafte Ficken von Kindern, das
sich in der Öffentlichkeit zuträgt, vor unser aller Augen, in
dem für jeden zugänglichen Haus des World Wide Web, wo man mit
einem Mausklick jedes beliebige Zimmer betreten kann.
Was
machen die Provider, wenn in dem von ihnen vermieteten Haus
Kinder gefickt werden? Sehen Sie, sie wissen es natürlich alle,
aber sie verdienen daran, und sie behaupten, daß sie nichts
tun können. Sie untermauern ihre Behauptung durch eine weitere,
nach der sie dagegen nichts ausrichten können, weil der Gesetzgeber
inkompetent sei, was ihnen die Hände binde, gegen diese Männer
vorzugehen. Sie faseln auch viel von der Freiheit des World
Wide Web, in die sie nicht eingreifen wollten, und in die auch
der Gesetzgeber nicht eingreifen könne. Sie bekräftigen, daß
es sich bei diesen Männern nur um Randerscheinungen handele,
wegen denen das World Wide Web nicht reglementiert werden solle.
Während sie so schwätzen, kassieren sie bei ihren Kunden weiterhin
ab, selbstverständlich auch bei diesen Männern, denen das World
Wide Web längst zur innersten Heimat geworden ist. Sie waschen
ihre Hände in Unschuld, dabei ist es ihnen völlig gleichgültig,
von wie vielen Kindern das Wasser bereits blutig ist, in dem
sie sich da waschen.
Ich
weiß, es gibt Ausnahmen, aber die gibt es immer. Es sind jedesmal
die Ausnahmen, die vom eigentlichen Problem ablenken sollen.
Man kann sich sein winziges Hirn wund diskutieren mit solchen
Ausnahmen, bis das Problem darunter verschwindet. Teile der
Medien haben ihre einzige Daseinsberechtigung in diesem Phänomen.
Der
Gesetzgeber ist nicht inkompetent, ich glaube das nicht. Er
ist vielleicht schwerfällig, mitunter sehr abstrakt, gelegentlich
auch korrupt, aber niemals inkompetent. Immerhin hat der Gesetzgeber
nur wenige Wochen benötigt, um eine Kampfhundeverordnung auf
den Weg zu bringen und mehrere Dutzend gefährlicher Hunde unschädlich
zu machen. Er hat dabei Fehler gemacht, und er hat diese Fehler
gemacht, weil er zu hastig vorgegangen ist, angesteckt von einer
gewissen Hysterie. Dennoch soll es ihm nun nicht gelingen, eine
Verordnung zu erlassen, die den Providern so auf die Finger
schlägt, daß es wirklich schmerzt?
Warum
den Providern auf die Finger schlagen, werden Sie fragen. Warum
nicht den Kunden, diesen Männern? Nun, weil die Provider der
Dreh- und Angelpunkt sind, wenn ich ihnen auf die Finger schlage,
erteile ich auch den Kunden, diesen Männern eine Lektion. Die
Provider sind das Bindeglied zwischen denen, die die Kinder
vergewaltigen und ficken, und den anderen, die sie im Kopf ficken.
Wenn die Provider ihre tätige Mithilfe einstellen würden, würden
die Männer, die bisher Kinder vergewaltigt und gefickt haben,
natürlich nicht aufhören damit. Sie würden andere Wege suchen,
Wege, die man unter Umständen wirkungsvoller zurückverfolgen
könnte. Auch die anderen, die die Kinder im Kopf ficken, würden
sie weiter im Kopf ficken. Nur eben nicht mehr im World Wide
Web, nicht vor aller Augen. Möglicherweise würden dann auch
keine Begehrlichkeiten durch entsprechende Angebote erst geweckt.
Sehen
Sie, wenn ich Provider wäre, und ich hätte einen Teil dieses
großen Hauses, das sich World Wide Web nennt, und ich würde
erfahren, daß die Mieter bei geöffneten Fenstern und Türen den
Kindern ihrer Nachbarn die Seele aus dem Leib gefickt und dazu
alle möglichen Leute eingeladen hätten, ich würde sie hinauswerfen.
Ich würde mir einen dieser Baseball-Schläger nehmen und sie
aus dem Haus prügeln, und zwar mitsamt den Leuten, die sie zu
ihren Bacchanalien eingeladen haben. Ich würde das tun, ganz
unabhängig davon, was sie mir an Miete gezahlt hätten und welches
gute Leben ich mir davon hätte leisten können. Ich würde das
Geld, das ich bereits von ihnen erhalten hätte, einer wohltätigen
Organisation spenden. Ich wäre voller Scham darüber, daß in
meinem Haus so ein abscheuliches Verbrechen vorgefallen ist.
Ich würde jeden Morgen im Bad mein Gesicht im Spiegel sehen
und mich ins Waschbecken übergeben. Ich würde diese Leute vor
dem Haus an einen Zaun ketten und darauf warten, daß irgendwer,
der sich für zuständig hält, diesen Inbegriff von vollkommen
verfehlter Anständigkeit abholt und irgendwo unterbringt, wo
er keinen Schaden mehr anrichten kann. Wenn ich einen besonders
schlechten Tag hätte, würde ich ihnen einen Schild um den Hals
hängen, auf dem ich ihre sexuelle Präferenz deutlich machen
würde. Da ich ein Provider wäre, würde ich die Gunst der Stunde
nutzen und die Bilder dieser Männer zu einer Weltreise durch
das gesamte World Wide Web schicken. Ich würde auch nicht auf
einen Gesetzgeber warten. Es wäre mein Haus, ich hätte es vermietet.
Ich wäre verantwortlich, vor allem wenn ich wüßte, was darin
geschieht. Ich würde saubermachen, kein anderer außer mir könnte
das tun. Ich würde dem Gesetzgeber zeigen, wie ich Ordnung in
meinem Haus geschaffen, wie ich dieses Problem gelöst hätte.
Danach
würde es Beschwerden geben, jemand würde finden, ich sei zu
hart gewesen. Horden von Anwälten würden die Gerichte bemühen,
denn diese Männer würden nicht auf ihren Genuß verzichten wollen.
Man würde die Verletzung des Schutzes der Persönlichkeit gegen
mich anführen. Auch die Datenschützer würden ihre Darbietungen
einbringen. Bestimmte Lobbyisten würden sofort versuchen, das
Hohe Lied der Freiheit des World Wide Web zu intonieren, sie
würden ein- und mehrstimmig singen, sie würden dabei keine Strophe
auslassen. Sie würden ganze Chöre aufmarschieren lassen, die
alles in Grund und Boden sängen, was sich der Großen Freiheit
des World Wide Web in den Weg stellte. Sogenannte Experten würden
im Fernsehen das übliche Gestammel von sich geben und sich einander
jede noch so wahnwitzige Sinnlosigkeit bestätigen. Vielleicht
würde man mich verurteilen, von der Unverhältnismäßigkeit der
Mittel sprechen, von Rufschädigung, sogar von Körperverletzung.
Doch
das wäre mir egal. Ich würde nicht verstehen, welchen Ruf ich
geschädigt hätte, als ich gesagt habe, ein Kinderficker ist
ein Kinderficker ist ein Kinderficker, wobei die Anwendung der
Begriffe "Ruf" und "Rufschädigung" gerade bei solchen Leuten
wie den Kinderfickern eine völlig neue Dimension erhielte. Ich
würde mir auch sagen, gut, wenn es regnet, wird man eben naß.
Meine einzige Rechtfertigung wären die bestialisch gequälten
Kinder. Das wäre mir genug. Wozu immer man mich verurteilen
würde, dem würde ich zustimmen.
Nach
und nach würde auch der Gesetzgeber seinen gewaltigen, aber
schwerfälligen Körper erheben und irgendwann finden, daß ich
über das Ziel hinausgeschossen sei. Das wäre gut, ich wäre dann
einen Schritt weiter gekommen. Ich hätte den Gesetzgeber zumindest
da, wo er hingehört: Er müßte nun Ziele formulieren und Rahmenbedingungen
abstecken. Wenn die vorhandenen Ziele und Rahmenbedingungen
nicht ausreichten, um diese Kinder zu schützen, müßte er die
vorhandenen modifizieren. Wenn die Anzahl der Personen nicht
ausreichte, die nötig wären, um die modifizierten Ziele und
Rahmenbedingungen umzusetzen, müßte er die Anzahl der Personen
erhöhen. Er müßte seinen gewaltigen, aber schwerfälligen Körper
aufrichten und sich vor die Kinder stellen, er müßte sie mit
der ganzen Macht seines Körpers vor den Kinderfickern schützen.
Um sich der Bedeutung seines überlegenen Körpers und dessen
Schutzfunktion für die Kinder völlig bewußt zu werden, würde
er einige Zeit benötigen, wenn er seine Sache gut und richtig
machen wollte. Immerhin ist das seine Aufgabe, genau dafür wird
er bezahlt, unter anderem auch von mir, und nicht gerade schlecht.
Tatsache
ist, daß der Gesetzgeber die Oberaufsicht über das Haus hat,
das die Provider vermieten. Tatsache ist außerdem, daß auch
der Gesetzgeber an diesem vermieteten Haus und seinen dreckigen
Kunden ordentlich verdient, und sei es nur über die Umsatzsteuer,
die die Kunden des World Wide Web zahlen müssen. Weil der Gesetzgeber
zum großen Teil aus Männern besteht, die vielleicht gerne auch
weiterhin ungestört in das Haus der Provider gehen wollen, schließt
sich hier einer der Kreise, von denen ich längst nicht alle
überblicke. Letzteres ist keine Tatsache, sondern nur eine Mutmaßung,
ich betone das ausdrücklich. Eine Mutmaßung, die allerdings
nicht einer gewissen Evidenz entbehrt.
Zuvorderst
stellt eine solche Mutmaßung eine ungeheure Brüskierung dar.
Der Gesetzgeber könnte sich womöglich provoziert fühlen und
mit seinen gesammelten Organen wie ein Gewitter über den Schreiber
dieser Zeilen kommen und ihm einiges an Verdruß bereiten. Da
der Gesetzgeber immer die ganze Macht hat, hat er dazu die Möglichkeiten.
Aber dem gegenüber steht die Kriegserklärung der Kinderficker,
eine Bedrohung, von der sich der Gesetzgeber bisher nicht sehr
herausgefordert gefühlt hat. Ich meine, weshalb sonst löst er
dieses Problem mit einer Hartnäckigkeit nicht, wo er doch bei
den Kampfhunden eine Leidenschaft bis hin zu einer an Fanatismus
grenzenden Froschperspektive bewiesen hat?
Natürlich,
da ist ein Kind totgebissen worden, von einer Hundebestie, mitten
am Tag, in einer Schule, und die Medien haben sich ereifert
wie immer, wenn es richtig blutig wird. Man kann sich schließlich
nicht jeden Tag über Boris B. und Barbara B. oder zugekokste
Fußballtrainer auslassen. Immerhin sind wir eine Mediokratie,
in der die Arbeit des Parlaments endgültig abgelöst wurde durch
die wöchentlichen Inszenierungen bei Sabine "Christiansen".
Politisch gearbeitet wird ausschließlich bei "Friedmann", "Maischberger",
im "Grünen Salon", bei "Talk in Berlin", gelegentlich auch bei
"Harald Schmidt", oder wo immer sonst eine Fernsehkamera oder
ein Mikrophon zu finden sind. Die Medien müssen eine Nation
führen, ganz egal in welche Richtung. Man muß Befürchtungen
unters Volk streuen, Volkes Stimme zum Ausdruck bringen, Meinung
machen, auch wenn das möglicherweise nur Befürchtungen, Stimmen
und Meinungen von einigen Wenigen sind, die sich vielleicht
in der Nacht zuvor in einschlägigen Clubs als Kampftrinker ausgezeichnet
haben.
Der
Gesetzgeber läßt es sich nicht zwei Mal sagen. Drei Wochen Dauerbombardement
in einschlägigen Presseorganen samt aller möglichen Kommentare
aus jeder nur denkbaren Ecke bringen ihn dazu, seinen schwerfälligen
Körper rascher zu bewegen, als gut für ihn ist. Wir wissen,
wenn einer seinen Körper schneller bewegt, als dieser Körper
es zuläßt, wird er straucheln, stolpern, außer Atem kommen,
Halt suchen, Fehler machen. Der Gesetzgeber handelt nun wegen
der Medien. Eine Bande von Kampftrinkern, die ihre heiße Luft
aus der falschen Öffnung herausgelassen haben, haben ihn mit
Dreck beworfen. Alle Finger zeigen nun auf ihn, sein Image ist
in Gefahr. Um sein Ansehen in der Öffentlichkeit wiederherzustellen,
muß er sich reinigen, er muß handeln. Aber er handelt nicht
wegen dem totgebissenen Kind, ich bin mir ganz und gar sicher:
nicht wegen diesem einen Kind, niemals. Nicht wenn im Haus der
Provider Kinder gefickt werden, Hunderte, Tausende, jeden Tag,
von Menschenbestien, und jeder weiß das, wirklich jeder. Es
werden sogar einige Kinder totgefickt, von diesen Menschenbestien,
da, im Haus der Provider. Wenn im Haus der Provider die Männer
auch weiterhin ungestört ein- und ausgehen können für ihren
sonderbaren Genuß, hat der Gesetzgeber nichts getan.
Wie
kann das überhaupt geschehen, haben Sie sich das einmal gefragt?
Wie das möglich ist, daß man einen solchen Rabatz veranstaltet,
da, wegen dieser Kampfhunde, während diese elenden Fickmänner
weiter dem nachgehen können, was sie ihre legitimen Bedürfnisse
nennen? Wie können Männer im Haus der Provider ungestört ein-
und ausgehen und Kinder ficken, obwohl jeder davon weiß? Obwohl
jeder weiß, daß dort Kinder gefickt werden, daß einige von ihnen
sogar totgefickt werden? Obwohl jeder das weiß, verdammt, ich
wiederhole es: Jeder! Der Gesetzgeber weiß es, die Provider
wissen es, wir wissen es, jeder weiß es. Wäre die Reportage
um zehn Uhr am Abend gesendet worden, wüßten wir sogar, was
das bedeutet, dieses Ungeheuerliche, da, das Ficken von Kindern.
Wir
wüßten von den schwindelerregenden Ausmaßen, die das Ficken
von Kindern angenommen hat. Wüßten von dem Wahnsinn einer Wand
mit über eintausend Fotografien von Kindern, die man gefickt
hat. Wir hätten über eintausend Portraits von Kindern gesehen,
von denen niemand etwas weiß, außer daß man sie gefickt hat.
Letzteres weiß man unzweifelhaft, weil man die Portraits aus
genau den Bildern und Filmen herausgeschnitten hat, auf denen
die Kinder gefickt wurden. Es könnten Kinder aus Ihrer Nachbarschaft
sein, aus Ihrem Bekanntenkreis, sogar aus Ihrer Verwandtschaft,
wie übrigens auch die Männer, die die Kinder ficken.
Wir
hätten auch die Männer gesehen, jene Männer, die die Kinder
gefickt haben. Allerdings hätten wir nur ihre Körper gesehen,
diese Instrumente der Bestialität, mit denen sie die Kinder
heimgesucht haben. Zu keiner Zeit hätten wir die Köpfe dieser
Männer sehen können, ihre Gesichter, Gesichter, die nur jene
Kinder gesehen haben. Wir hätten Bilder und Schatten von Bildern
gesehen, die auf weitere Bilder verwiesen hätten. Bilder, die
wir niemals sehen würden, außer in einer abgründigen Dunkelheit,
im Herzen der Finsternis, in uns selbst.
Statt
dessen haben wir schon geschlafen. Jemand in der Programmdirektion
hat entschieden, daß diese Reportage nach Mitternacht gesendet
wird.
Wahrscheinlich
haben auch die Vertreter der Kirchen geschlafen, obwohl sie
ansonsten hellwach sind und zu jeder unmöglichen Tageszeit umgehend
die Glocken läuten für jedes abgetriebene Kind, und eine Sturmwarnung
herausgeben für jeden Embryo, der zu Forschungszwecken "verbraucht"
wird.
Ich
will dieses Thema nicht herunterspielen, wahrscheinlich ist
es wichtig, darüber einen Diskurs zu führen. Wichtig für die
Dinge, die sich in der Zukunft ereignen könnten. Obwohl ich
mich gerade frage, was das für eine herrliche Zukunft sein wird,
errichtet auf den bestialisch geschundenen Leibern und Seelen
tausender von Kindern.
Hat
schon einmal einer dieser Kirchenleute in der Gegenwart, in
der wir mit diesen Kindern leben, die Glocke für ein im World
Wide Web geficktes Kind geläutet? Ein winziges Glöckchen, wie
sie etwa zu Ostern um die Hälse bestimmter Schokoladenhasen
geschlungen sind? Hat es eine einzige Sturmwarnung für auch
nur ein einziges, im World Wide Web geficktes Kind gegeben?
Welchen Sinn soll es haben, einen Diskurs über Abtreibung oder
den "Verbrauch" von Embryonen zu Forschungszwecken zu führen,
wenn Kinder, die von Frauen nicht abgetrieben wurden, später
im World Wide Web von diesen Männern gefickt werden? Ich meine,
jeder abgetriebene Embryo hätte ein gnädigeres Schicksal als
ein geborenes Kind.
Auch
die Medien haben bereits geschlafen, um für den nächsten Tag
kampfbereit zu sein, um sich wieder einmal zu ereifern, wenn
es richtig blutig wird. Oder wenn Boris B. sich von Barbara
B. trennt und der nächste Fußballtrainer sich seinen letzten
Rest von Sprachvermögen durch die Nase zieht. Um für all die
"Big Brothers" und "Big Sisters", für die ganzen Freaks aus
"Arabella", "Vera am Mittag", "Andreas Türck" und neuerdings
"Big Diet", die die Medienlandschaft bevölkern, bereit zu sein.
Um gemeinsam, aber kontrovers, in jedem Fall bis zum Schwindligwerden,
die vermeintlichen Prophezeiungen der Gentechnik zu erörtern.
Ich
habe nicht geschlafen, doch das ist nichts Besonderes. Ich schlafe
wenig, das hat persönliche Gründe, deren Gegenstand in meiner
Geschichte liegt. Sie müssen wissen, daß es einen Teil von mir
gibt, der niemals schläft. Schon am Anfang meiner eigenen Geschichte,
wo es noch keine Provider gab, gehörte das Ficken von Kindern
durchaus bereits zum Alltag bestimmter Männer, denen das World
Wide Web heute wie ein Paradies erscheinen muß. Es gab schon
immer Familien in diesem Land, zu deren Alltag das Ficken von
Kindern gehörte. Nicht wenige würden mich für diesen Satz eigenhändig
lynchen.
Übrigens
habe ich mich nicht nur in dieser Nacht gefragt, wie man überhaupt
schlafen kann, wenn man weiß, daß Kinder gefickt werden. Nur
in dieser Nacht habe ich darüber geschrieben, dabei habe ich
alles stehen und liegen gelassen, auch die Arbeit an meinem
neuen Buch.
Ein
Grund, weshalb ich darüber schreibe, ist nicht allein der, daß
ich mich über den späten Sendetermin dieser Reportage geärgert
habe, das war nur der Auslöser. Einer der Gründe, einer der
wesentlichen Gründe, ist ein Mädchen, das mir vor etwa einem
Jahr im World Wide Web begegnet ist. Ich überlege mir schon
länger, ob ich Ihnen von diesem Mädchen erzählen soll, immerhin
ist es schon die ganze Zeit über da, während ich hier sitze
und schreibe. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen
es bemerkt.
Dieses
Mädchen trug eine kleine weiße Schütze, wie sie Serviererinnen
für gewöhnlich tragen. Sie trug nichts, außer dieser kleinen
weißen Schürze. Ihr Gesicht lag zwischen den Beinen eines Mannes,
sein Glied steckte in ihrem Mund. Die Augen des Mädchens starrten
in die Kamera, es versuchte tapfer zu lächeln. Vermutlich hat
die Person hinter der Kamera das Mädchen hierzu aufgefordert,
um dem möglichen Zuschauer einzureden, daß das Glied des Mannes
in seinem Mund ihm keine Angst macht. Doch diesem Mädchen gelang
es einfach nicht zu lächeln, vielmehr war sein Gesicht auf eine
irrwitzige Weise verzerrt. Ich vermute, der Grund hierfür steckte
in seinem Mund. Ich weiß nicht, wie alt dieses Mädchen war.
Ich konnte erkennen, daß das Mädchen von kleiner Gestalt war,
ohne jede Schambehaarung. Ich habe das Alter des Mädchens auf
fünf Jahre geschätzt.
Später
habe ich dem Mädchen einen Namen gegeben, ich habe es Christina
genannt. Ich mußte das einfach tun, ich hätte es nicht ertragen,
dieses namenlose, gefickte Mädchen, wie es durch meinem Kopf
irrt und überall anstößt, weil es nicht mehr hinaus kann.
Es
gab noch einige andere Bilder, auf denen Christina mit diesem
Glied zu sehen war. Bilder, die ich nicht mehr sehen kann, weil
ich sie tief, sehr, sehr tief in mir verbannt habe. Sie werden
vielleicht Verständnis dafür haben, daß ich an diese Bilder
nicht rühren will. Ich bin allein in dieser Nacht, überhaupt
bin ich sehr viel allein. Sehen Sie, ich möchte gerne weiterleben,
auf irgendeine Weise, und dazu ist es notwendig, nicht zu nah
an diese Bilder zu kommen. Man kann nicht weiterleben, nicht
mit solchen Bildern, das ist ausgeschlossen. Nicht einmal ich
kann das.
Ein
weiterer Grund, weshalb ich darüber schreibe, ist der, daß ich
weiß, was das bedeutet: ein geficktes Kind zu sein. Dieses Kind
konnte nie von jemandem als Opfer identifiziert werden, weil
das Verbrechen an ihm totgeschwiegen wurde. Weil dieses Kind
selbst, noch als Mann von Anfang Vierzig, dieses abscheuliche
Verbrechen an ihm verschwiegen hat. Man hat dieses Kindergesicht
nie an einer Wand neben anderen mißbrauchten und mißhandelten
Kindern gesehen. Dennoch ist die Markierung, die dieses Kind
in mir hinterläßt, unauslöschlich, das ist so. Sie können es
auch hier entdecken, dieses Kind, es schreibt diesen Text mit
und ist gleichzeitig ein Teil von ihm. Ich schleppe seinen geschlagenen
und mißbrauchten Kadaver hinter mir her, weil ich mich nicht
von ihm trennen kann. Immerhin ist er alles, was mir von meiner
Kindheit verblieben ist.
Einmal,
wenn Sie mir an einem bestimmten Tag irgendwo begegnen, können
Sie dieses Kind noch sehen. Dann schreit es Sie an, dieses Kind,
bisweilen so sehr, daß Sie nicht wissen, wie Ihnen geschieht.
Sie werden es nicht immer sehen, die meiste Zeit wird es Ihnen
verborgen bleiben. Dazu müssen Sie wissen, daß ich dieses Kind
gut versteckt habe. Oft finde ich es selber kaum. Selbstverständlich
weiß ich, daß es da ist, traurig, wütend, voller Angst, und
allein. Es lebt mit mir, ich bin keinen Tag ohne es. Wir machen
alles gemeinsam, von Zeit zu Zeit ist das sehr schwierig, diese
Art von Zusammenleben. Oft sprechen mich Leute an, und das Kind
macht dann, daß ich mich sofort verberge. Dann und wann erkenne
ich es wieder, wenn ich ein anderes Kind ansehe. Ich glaube,
so ist es mir bei Christina ergangen.
Und
nun? Was nun? Was machen wir damit? Können Sie mir das sagen?
Ich
kann es nicht sagen, ich weiß es nicht.
Ich
weiß nicht, was Sie tun wollen, oder was Sie tun werden. Ich
weiß nicht einmal, ob Sie überhaupt etwas tun werden. Sie könnten
sich über meinen Text aufregen, Sie könnten ihn abscheulich
finden, abstoßend, ekelerregend. Er könnte Ihnen den Tag verdorben
haben, dieser verdammte Text, so könnten Sie reden. Sie könnten
die häufige Verwendung des Wortes "Ficken" kritisieren, einige
von Ihnen werden mitgezählt haben, ich bin mir dessen gewiß.
Sie könnten auch die Schreibweise beanstanden, das Verhältnis
von Diktion und Sujet für unangemessen halten. Sie könnten sich
von meinem Text zusammengeschlagen fühlen.
Was
auch immer, ich habe keinen Einfluß darauf. Der Text wird irgend
etwas mit Ihnen machen, Sie werden irgend etwas damit machen.
Doch was immer Sie beanstanden, ablehnen, anfechten, was Sie
herabsetzen, worüber Sie meckern, nörgeln und sich beklagen
wollen, denken Sie dabei an Christina und die anderen Kinder.
Auch
wenn Sie als Kind nicht gefickt wurden, könnte es sich als sinnvoll
herausstellen, sich über das Ficken von Kindern zu empören.
Sie könnten Ihrer Empörung irgendeine Richtung geben. So könnten
Sie anfangen, Fragen zu stellen, Sie könnten die Fragen laut
stellen. Beispielsweise könnten Sie fragen, was das eigentlich
für eine grenzenlose Freiheit im World Wide Web sein soll, die
Kindern die Freiheit nimmt, um sich behaupten zu können? Und
ob es eine Wahl gibt zwischen der Freiheit im World Wide Web
und der Freiheit der Kinder, ich meine, kann es da wirklich
eine Wahl geben? Ob es nicht vielmehr so ist, daß jeder, der
im World Wide Web ein- und ausgeht, nicht seine Freiheit zum
Ziel haben kann, ohne gleichzeitig die Freiheit dieser Kinder
zum Ziel zu haben? Vielleicht könnten Sie diese Fragen Ihrem
Provider stellen, oder Ihrem Abgeordneten, wobei der Letztere
wahrscheinlich größeren Einfluß auf den Gesetzgeber hat.
Allerdings
unterschätzen Sie nicht den Einfluß, den Sie auf Ihren Provider
haben. Verschwenden Sie einen Gedanken daran, wieviel er daran
verdient, daß Sie ausgerechnet über ihn ins World Wide Web gehen.
Denn in der Zwischenzeit gibt es auch Provider, die mit einem
speziellen Suchprogramm den Teil des Hauses, für den sie verantwortlich
sind, von solchen Bildern sauberhalten.
Es
gibt auch Leute unter Ihnen, die Tiere lieben und die sich sehr
im Tierschutz engagieren. Leute, die auf die Barrikaden steigen
würden, wenn man das, was man diesen Kindern antut, irgendwelchen
Tieren antun würde. Es wäre ein Leichtes, sich auf die gleiche
Weise für diese Kinder zu engagieren, wie Sie das bisher für
die Tiere getan haben. Ich bin sicher, daß Sie das können.
Sie
können auch dieses Medium selbst nutzen, um gegen seine Auswüchse
vorzugehen. Sie könnten diesen Text hier darin verbreiten und
dabei eine gewisse Rücksichtslosigkeit an den Tag legen. Meine
Erlaubnis hierzu haben Sie.
Diese
Entscheidung können nur Sie treffen, auch wenn Ihre Entscheidung
Einfluß nehmen wird auf andere Entscheidungen, auf solche, die
der Gesetzgeber zu treffen hat. Niemand außer Ihnen verfügt
über eine solche Macht, ich glaube das ganz und gar.
Es
ist doch sehr einfach: Der Gesetzgeber müßte der Auffassung
sein, daß ein Kind nicht etwas ist, daß man quälen und dann
wegwerfen kann. Selbstverständlich wird der Gesetzgeber an dieser
Stelle einwenden, daß er längst schon die Auffassung vertritt,
daß ein Kind nicht etwas ist, daß man quälen und dann wegwerfen
kann, und auf eine Menge von Gesetzen und Verordnungen hinweisen,
die das bekräftigen sollen. Hier müßte man ihm dann entgegnen,
daß das gar nicht sein kann, nicht bei diesem massenhaften Ficken
von Kindern, was ja deutlich zeigt, daß man ein Kind ohne weiteres
quälen und dann wegwerfen kann – im Plural.
Doch
wie kommt nun der Gesetzgeber zu der Auffassung, daß ein Kind
nicht etwas ist, daß man quälen und dann wegwerfen kann, wobei
er zwar eingewendet hat, daß er längst schon die Auffassung
vertritt, daß ein Kind nicht etwas ist, daß man quälen und dann
wegwerfen kann, und dabei nicht müde wurde, auf diese Menge
von Gesetzen und Verordnungen hinzuweisen, die das bekräftigen
sollen, Sie und ich ihm aber durch die horrende Zahl der täglich
gefickten Kinder den Gegenbeweis nicht schuldig geblieben sind
– und wo wir doch nur zu gut wissen, daß der Gesetzgeber zu
bestimmten Auffassungen getragen und gezogen werden muß?
Vielleicht
müssen Sie es ihm sagen.
Möglicherweise
sind wir für diese Kinder bereits verantwortlich, bevor wir
uns entscheiden können, verantwortlich zu sein, demnach wäre
unsere Aufmerksamkeit auf das Leiden dieser Kinder unabweisbar.
Wir könnten nicht mehr zulassen, daß es irgendwelche Rechtfertigungen
dafür gibt, diesen Kindern weiter Schmerz zuzufügen. Selbst
wenn wir der Auffassung wären, daß wir in einem Schweinestall
leben, und jeder nur krampfhaft versucht, in seiner Box zu bleiben,
um diesen Wahnsinn, der das Ficken von Kindern ist, bloß nicht
mitzubekommen, ändert das nichts daran, daß wir für diese Kinder
Verantwortung haben. Selbst in einem Schweinestall, zumindest
wenn er von menschlichen Wesen bewohnt wird, bedeutet das Wort
"ich": sieh mich. Das macht uns verantwortlich für alles und
alle, genau genommen macht es uns zu einer Geisel dieser Kinder.
Dies nicht
länger zu leugnen, das wäre doch immerhin etwas, ein Anfang
vielleicht.
Für
Christina, die später sagen kann, daß
sie schon mit fünf Jahren im World Wide
Web war
© Richard
Wolf; 2001
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Richard Wolf,
1958 in Darmstadt geboren, ist Schriftsteller und arbeitet zum
Thema "Trauma und Gewalt".
Als gelernter Kaufmann arbeitete er im Einzelhandel, als Büroangestellter,
als Pfleger im Krankenhaus, als Fabrikarbeiter, Leichenwäscher,
Küchenhilfe und als Streetworker in der Frankfurter Drogen-
und Prostituiertenszene.
Auslandsaufenthalte: Frankreich, Italien, Nicaragua, Türkei,
Bosnien-Herzegowina.
Zahlreiche Veröffentlichungen.
Richard Wolf lebt zurückgezogen an der Bergstraße.

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