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sagmal.de:
Bine, als ich auf Kinderschreie.de ein paar Seiten gelesen
hatte, bekam ich eine Gänsehaut, die sich lange Zeit weigerte,
wieder zu verschwinden. Denn das Thema deiner Seite ist Kindesmissbrauch.
Was trieb Dich dazu, diese Seite zu machen?
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Bine:
Ich wurde als Kind selbst jahrelang missbraucht.
Am Anfang der Kinderschreie stand ich selbst. Ich wollte rauslassen
können. Wollte es aussprechen. Dachte damals noch, dass ich
in der Anonymität des Internets nicht auffallen würde. Der
Grundgedanke war: " vielleicht liest es jemand und passt ein
bisschen besser auf die Kinder um sich herum auf. Vielleicht
gibt es da draussen noch jemanden, der dasselbe wie ich erlebt
hat, und es hilft uns beiden zu wissen, dass es noch jemanden
gibt"
Mittlerweile treibt mich etwas anderes dazu, die Seite immer
wieder zu erweitern. Ich will den Menschen damit klar machen,
was Kindesmissbrauch ist. Was es für Folgen hat und wieviele
wir sind. Ich will die Menschen mit der Seite aufklären, wachrütteln
und "zwingen" hinzusehen. Und ich will den Betroffenen damit
Mut machen, ihr Schweigen zu brechen.
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sagmal.de:
Wie hast du das Ganze verarbeitet?
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Bine:
Hab ich das? Ich weiss es wirklich nicht. Die Arbeit mit Kinderschreie,
der rege Austausch mit anderen Betroffenen hat mir sehr viel
geholfen. Ich selbst erkenne in den Geschichten, Gedanken
und Empfindungen immer wieder mich selbst. Finde Fragen auf
meine Antworten und neue Fragen über mich. Ich denke, ich
bin schon sehr weit auf dem Weg der Verarbeitung, aber noch
lange nicht am Ende des Weges.
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sagmal.de:
Kann man so etwas überhaupt vollständig verdrängen oder
vergessen? |
Bine:
Ja, kann man. Aber nur für eine gewisse Zeit. Bei manchen
sind das Monate, bei mir waren es Jahre. Man wundert sich
über sein eigenes Verhalten in vielen Situationen. Kann
es sich aber nicht erklären, weil man die Ursache nicht
mehr weiss. Irgendwann aber kommt es bei jedem wieder
hoch. Und dann schafft man nie wieder, es zu verdrängen.
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sagmal.de:
Gibt es Deiner Meinung nach von den staatlichen Organen
genügend Hilfe? |
Bine:
Darauf kann ich mit einem klaren und lautem "Nein" antworten.
Ich meine, der Wille ist da. Das sehe ich auch. Aber es
fehlt an der richtigen Ausbildung. Und das in allen Berufszweigen.
Egal ob Lehrer, Kindergärtner, Ärzte, Jugendamt, Gerichte,
Polizei ect. In jedem Berufszweig gibt es Menschen, die
wirklich helfen wollen. Aber nicht wissen, wie sie das
können. Es ist heute noch sehr schwer, Anerkennung für
die Folgen von Kindesmissbrauch zu bekommen. Gute Therapeuten
sind rar. Kinderärzte fragen noch zuwenig nach, wenn z.B.
ein Kind vor ihnen steht, das voller blauer Flecken ist.
Da muss noch einiges getan werden. |
sagmal.de:
Gibt es die überhaupt? |
Bine:
Natürlich gibt es sie. Aber wie gesagt, eben zuwenig.
Die Gesellschaft wacht auf. Das haben wir vor allem dem
Internet zu verdanken. Durch das Internet können wir Opfer
reden, uns finden, uns austauschen. Und somit auch unser
Umfeld informieren darüber, was Kindesmissbrauch bedeutet.
Und erst wenn man eine Ursache kennt, kann man, auch auf
staatlicher Seite, etwas dagegen tun. Es gibt schon einige
Einrichtungen, die sich auf Kindesmissbrauch spezialisiert
haben. Aber noch nicht ausreichend, für die Masse von
Opfern die es schon gibt, und leider noch geben wird.
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sagmal.de:
Warum ist der Missbrauch von Kindern in unserer Gesellschaft
immer noch ein Tabuthema? |
Bine:
Weil er so unvorstellbar ist. So unglaublich. Es geht
über die Vorstellungskraft der Menschen, dass man ein
zweijähriges Kind vergewaltigen kann. Es ist nicht zu
glauben, das eine 12-jährige von ihrem Vater geschwängert
wird. Ausserdem werden die Opfer von Anfang darauf gedrillt,
nichts sagen zu dürfen. Man kann nicht nachempfinden,
wie sehr dieser Drill in uns hängenbleibt. Wie schwer
es für uns ist, diesen Kreis zu durchbrechen und zu reden.
Kinderschänder arbeiten mit den "genialsten" psychologischen
Tricks. Opfer schämen sich dafür, das sie missbraucht
wurden. Familien schämen sich dafür, dass es "innerhalb
ihrer heilen, sauberen Welt" so etwas überhaupt geben
konnte. Es dringt kaum etwas an die Öffentlichkeit. Und
die Gesellschaft macht sich erst ihre Gedanken, wenn sie
direkt damit konfrontiert wurde. Aber ich möchte der Gesellschaft
auch zugestehen, das sich im Bezug auf "enttabuisieren"
in den letzten 3 Jahren, sehr viel getan hat.
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sagmal.de:
Gibt es für Aussenstehende klar erkennbare Hinweise auf
sexuellen Missbrauch? Worauf sollte man achten? Wie kann
man ihn erkennen? |
Bine:
Das ist sehr schwer mit ein paar Sätzen zu erklären. Ja,
es gibt klar erkennbare Hinweise. Körperliche Hinweise
wie Verletzungen, die dem Kind zugefügt wurden oder die
sich das Kind selbst zufügt. Verhaltensweisen, die sich
drastisch ändern. Vermeidung von Körperkontakt, zurückziehen
vom Umfeld, nächtliche Albträume. Magersucht, Bulemie
ect. Die Palette ist eigentlich gross und breit gefächert.
Man sollte auf jeden Fall darauf achten, wenn sich das
Kind extrem verändert. Wenn aus einem fröhlichen, lachendem
Kind ein schweigsames, ängstliches Kind wird. Wenn es
Angst zeigt, in bestimmten Situationen. Ich denke, das
ist der erste Schritt zu erkennen: Wenn ein Kind auf einmal
nicht mehr das Kind ist, wie man es eigentlich kennt.
Egal, in welcher Hinsicht. |
sagmal.de:
1.Die Frage, die sich wohl viele stellen, die die Problematik
nicht kennen: Warum erzählen Kinder nicht der Mutter,
oder anderen Angehörigen von dem Missbrauch?
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Bine:
Weil sie nicht dürfen! Die Kinder bekommen eingetrichtert,
dass sie an dem Missbrauch selbst schuld sind. Das was
ganz schlimmes passiert. Das sie für böse angesehen werden.
Dazu ein Beispiel: Versuche dir mal vorzustellen, du bist
8 Jahre alt. Ein Mann kommt über dir zum Orgasmus. Was
siehst und hörst du? Du siehst ein - für ein Kind -schmerzverzerrtes
Gesicht über dir. Und du hörst ihn stöhen: "Was machst
du nur mit mir?". Fazit: Das Kind meint deswegen, es tut
dem Täter weh. Meint, er habe Schmerzen. Es schliesst
daraus, dass es "böse" ist und gibt sich die Schuld daran.
Es ist Opfer und wird als Täter hingestellt. Kann das
aber natürlich selbst nicht erkennen. Die
Kinder versuchen eigentlich immer wieder, sich den Erwachsenen
mitzuteilen. Nur die Erwachsenen verstehen es nicht
und unterstützen damit, unbewusst, den Täter. Wie z.B
die Sache mit dem berühmten "Geheimnis". Das Kind fragt
eine Mutter, ob man Geheimnisse erzählen darf oder für
sich behalten muss. Die Mutter sagt, dass ein Geheimnis
ein Geheimnis bleiben muss. Sie bestätigt damit, was
der Täter dem Kind schon erzählt hat. Und so gibt es
viele, alltägliche Situationen, wo das Kind immer "redet".
Leider gibt es auch immer wieder Erwachsene, die dem
Kind nicht glauben, wenn es wirklich erzählt. Die es
schlagen, beschimpfen, als Lügner hinstellen. Und dann
redet es natürlich kein Wort mehr darüber.
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sagmal.de:
Wie ist das mit den Partnern von Opfern? Ich nehme an,
es ist sicher nicht leicht, mit einem Opfer verheiratet
zu sein, oder mit ihm zusammen zu leben? |
Bine:
Nein, ganz sicher nicht. Die Partner der Opfer wissen
oft gar nicht, aus oben genannten Gründen, das sie mit
einem Opfer zusammen sind. Das ist schon einmal ein grosses
Hauptproblem. Sind die Opfer soweit, dass sie reden, dann
verarbeiten sie auch. Und das heisst für den Partner,
unzählige von Gefühlsschwankungen zu verstehen und akzeptieren
zu lernen, ohne sich selbst dabei aufzugeben. Der Partner
lernt eine Menge von Abgründen kennen, die er selbst erst
wieder verarbeiten muss. Ein Fehler und die Arbeit von
Jahren ist zunichte gemacht. Das Opfer hüllt sich wieder
in seinen Panzer ein und schweigt. |
sagmal.de:
Was empfindest Du für die Täter? |
Bine:
Das kommt darauf an, wie ich mich fühle. Ich versuche,
mir nicht mehr sehr viele Gedanken über die Täter zu machen.
Ich bin für mich wichtig, nicht mein Täter. Wenn es mir
in einem Moment hilft, ihn zu hassen, dann hasse ich ihn.
Wenn es mir hilft ihn zu ignorieren, dann ignoriere ich
ihn. Ich kann dir sagen was ich nicht für ihn empfinde:
Mitleid, Liebe und Verständnis. Es gibt keinerlei Entschuldigung
dafür, das ein Mensch Kinder missbraucht. Wenn ich das
durchlese, was Opfer von Kindesmissbrauch mir schreiben,
dann empfinde ich Wut, Ekel und oft auch Hass dem Täter
gegenüber. Vor allem wenn Kinder mir schreiben, die noch
mitten im Missbrauch sind. Oder wenn ich lesen muss, das
es wieder einmal eines "meiner" Opfer nicht geschafft
hat und einen Selbstmord als die einzigste Lösung gesehen
hat. |
sagmal.de:
Gibt es auf Grund Deiner Seite Reaktionen von Tätern?
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Bine:
Ohja, die gibt es. Es fängt an mit Beschimpfungen per
Mail a la "Kinderhure" ect. Und es hört auf mit Morddrohungen
an mich und meine eigenen Kinder im Briefkasten. Manche
schicken Anfragen, ob ich nicht jemand kenne, der "mal
wieder Lust auf einen richtigen Mann hat und noch nicht
so alt ist". Meine Website und mein Mailaccount sind eigentlich
ständig irgendwelchen "Hackattacken" ausgesetzt. Anrufe
mit obzönem Wortlaut und Gestöhne haben sich vervielfacht,
seitdem ich die Page im Netz habe. Deswegen auch meine
Bitte um die Wahrung meiner Anonymität bei diesem Interview.
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sagmal.de:
Fördert das Internet wirklich so stark Themen wie Pädophilie,
Gewaltverherrlichung, etc.? |
Bine:
Jein. Es ist umunstritten das die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung,-
egal ob per Website oder per Mail, - eine grosse Hilfe
für alle ist, ihre Anliegen zu verbreiten. Auch für Nutzer
von Kinderpornographie, Rechtsradikalismus ect. Aber die
haben auch früher ihre Mittel und Wege gehabt, um sich
ihr Material zu beschaffen, oder es zu verbreiten. Klar
haben sie es durch das Internet einfacher. Aber wir haben
es auch einfacher, die andere Seite an die Öffentlichkeit
zu bringen. |
sagmal.de:
Gibt es Deiner Meinung nach auch Positives am Medium Internet?
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Bine:
Sehr viel sogar. Das Internet gibt uns unzählige Möglichkeiten,
die viele gar nicht nutzen, weil sie nichts davon wissen.
Wenn ich heute jemandem erzähle das ich über das Internet
regelmässig mit jemandem aus Australien rede und ihn dabei
sehe, halten mich die Leute für verrückt. Das Internet
kann uns so vieles geben, wenn wir es richtig nutzen und
unsere "reale" Welt um uns herum darüber nicht vergessen.
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sagmal.de:
Gibt es eine Seite, die Dir am Herzen liegt, ausser Deiner
eigenen? |
Bine:
Da gibt es soviele, dass ich nicht wüsste, welche ich
jetzt nennen sollte, ohne die anderen dabei in den Hintergrund
zu stellen. |
sagmal.de:
Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
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Bine:
Es gibt sicher noch hunderte von Fragen, die in diesem
Interview nicht gefragt wurden. Ich denke aber, dass du
die wesentlichen angesprochen hast und dass das Ende dieses
Interviews nicht bedeutet, das keine weiteren Fragen an
mich gestellt werden können. |
sagmal.de:
Noch einen Schlusssatz? |
Bine:
Ich danke dir für die Möglichkeit, das Thema auf deiner
Seite ansprechen zu können und hoffe, dass es viele lesen
und sich ein bisschen mehr Gedanken machen als vorher. |
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Das Interview wurde am 5.3.2002 per
Mail geführt. Die Fragen stellte Robert Herbig, Webmaster
von sagmal.de.
Wir danken Bine für die Beantwortung unserer Fragen.
Die in diesem Interview verwendeten Grafiken unterliegen
dem Copyright und wurden nur für dieses Interview von den
entsprechenden Webseiten entnommen
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