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2004:
Was ist meine Arbeit?
In erster Linie ist sie etwas um mir zu helfen.
Wie ich oben geschrieben habe: Wenn ich das nicht
hätte dann hätte ich mir schon lange
den Strick gegeben.
Ich bin nicht bewusst an diese Arbeit gekommen.
Die Kinderschreie war eine Verzweiflungstat. Eigentlich
sollte sie ein Abschiedsbrief sein - ein Mahnmal
für alle - ein Zeugnis für die die wissen
wollen warum ich nicht mehr bin. Während
ich mich mit ihr befasste, während ich die
ersten Inhalte schrieb, hat sich das gewandelt.
Ich wollte nicht mehr das sie das Ende ist sondern
ein Anfang.
Heute frage ich mich oft wann es zu Ende sein
wird. Wann wird der Punkt erreicht sein wo ich
nicht mehr kann? Oder wo ich - für mich -
das alles nicht mehr tun "muss". Wobei
ich glaube das ersteres der Grund sein wird warum
ich eines Tages die Website löschen werde.
So viele Abgründe die sich auftun bei dem,
was die Menschen mir schreiben. Soviele Dinge
sehen, lesen, hören. So oft da stehen und
nichts tun können. So oft einfach nur stillhalten
müssen obwohl man rennen will. Wegrennen?
Im Moment noch nicht. Aber ich weiss das wird
eines Tages soweit sein. Da mache ich mir nichts
mehr vor.
Als
ich anfing wollte ich die Welt retten. Ich wollte
alles tun damit es solche Seiten wie diese nicht
mehr geben wird. Wollte alles tun damit solche
Mails wie ich sie bekomme, nicht mehr geschrieben
werden müssen. Diese Erwartung hat mich viel
gekostet. Vor allem Kraft. Ich habe angefangen
zu lernen das man die Welt nicht retten kann.
Habe angefangen zu lernen die "kleinen Erfolge"
zu schätzen. Und ich merke langsam aber sicher
das mir diese Erfolge zu wenig sind. Zuwenig denen
man wirklich helfen kann im Gegensatz zu all den
Abgründen die noch offen sind. Ein Tag könnte
48 Stunden haben und es wird immer noch zuwenig
sein.
Ich
frage mich dann "wann stumpfe ich ab?".
Wann bin ich an dem Punkt angelangt wo mich das
alles nicht mehr berührt? Nicht mehr belastet?
Was ist wenn dieser Punkt da ist? Ist es dann
nicht auch das Ende? Ich habe Angst davor abzustumpfen
und wünsche es mir jedesmal das ich es wäre,
wenn wieder irgendetwas grauenvolles auf mich
zu kommt. Grauenvolles was andere mir zeigen,
schildern oder erzählen. Wieviel kann ein
Mensch ertragen? Und wie kann ich es mir anmassen
darüber verzweifelt zu sein wenn ich es doch
nur lese?
Meine Arbeit ist mit sehr viel Egoismus vermischt.
Indem ich anderen helfe, helfe ich mir selbst.
Entweder weil ich mich mit mir beschäftigen
muss, oder weil ich mich von mir ablenken kann.
Meine Arbeit lässt sinnloses sinnvoll erscheinen.
Und doch kann sie kaputt machen. Gewöhnt
man sich je daran? Ich kann nicht etwas das mich
gerade noch in einer Mail beschäftigt hat
auf die Seite legen und schlafen gehen. Ich kann
nicht so tun als ob es all das Leid nicht gibt
im Alltag. Ich kann nicht so tun als wäre
ich und die "Bine von der Kinderschreie"
zwei verschiedenen Menschen. Ich kann nicht und
ich will nicht. Und ich frage mich dann ob ich
mich auffressen lasse von etwas neuem nur um nicht
merken zu müssen das altes mich auffrisst.
Ich höre im Geiste schon die "nein,
tu das nicht" - Rufe die kommen werden, wenn
ich diese Arbeit hier einstelle. Ist es dann "aufgeben"?
Mir graut es vor dem Tag wo ich das tue, weil
ich Angst davor habe das dann alles wieder von
vorne anfängt. Das ich dann wieder nach einem
Sinn suche, wieder keinen finde, wieder ruhig
werde, wieder schweige, wieder verzweifle. Gerade
weil ich all das getan habe. Entweder - oder,
ich kann mir kein Zwischending vorstellen. Entweder
ich tue es richtig oder gar nicht. Beides kann
mich auffressen. Beides kann mich fertig machen.
Was ist die bessere Variation?
Und dann sehe ich wieder die andere Seite. Die
weisse Seite der schwarzen Kinderschreie. Sehe
die Menschen die sich bedanken. Die Menschen die
sagen das ihnen geholfen wurde. Ich sehe eine
Betroffene vor mir die froh ist das sie nicht
alleine zum Arzt muss. Sehe einen Mann vor mir
der froh ist das er anfängt seine Frau verstehen
zu können. Ich sehe Kinder vor mir die nicht
mehr das erleben müssen was sie erlebt haben.
Sehe eine 72-jährige Frau die endlich reden
kann. Und ich denke mir "du darfst nicht
aufhören Bine" - und dieses "du
darfst nicht" hängt drohend über
mir manchmal. Erinnert mich - und ich stürze
mich wieder in die Arbeit... weil ich es tun muss
- tun will - und mich darüber freuen kann
doch ein kleines bisschen bewirken zu können.
Auch für mich.
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