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Heute bin
ich ein Survivor, eine Überlebende.Es hat sich sehr
viel getan für mich seitdem ich die Kinderschreie
im Netz habe. Sie wurde für mich ein Ankerpunkt,
egal ob es mir gut oder schlecht geht. Der Austausch
mit den Menschen auf dem Forum, per Mail oder real,
sind für mich sehr, sehr wichtig geworden und geben
mir sehr viel Kraft. Ich habe endlich Menschen gefunden
die verstehen wenn ich ihnen etwas erzähle. Die
dankbar sind wenn man selbst zuhört und auch Menschen,
die kein Opfer sind, aber verstehen wollen. Ich lerne
zu lieben, mich schwach zu zeigen und zu kämpfen...
dank dieser HP und ihren Folgen.
Und heute ist der 22.05.2004. In den letzten Wochen
hat sich sehr viel verändert für mich. Und
durch diese Veränderungen spüre ich die Kraft
wieder in mir, die ich lange vermisst habe. Die Kinderschreie
war ein paar Wochen offline und ich habe in der Zeit
gemerkt, wie wichtig sie mir ist. Wie sehr sie mir gefehlt
hat. Aber ich möchte sie nicht mehr so ins Netz
stellen wie sie vor ein paar Wochen noch war. Denn zuvieles
ist anders jetzt. Diejenigen, die die Kinderschreie
schon eine Weile kennen, werden manche Textpassagen
hier bekannt vorkommen. Ich möchte sie auch so
lassen und nur durch die aktuellen Dinge ergänzen.
Ich bin eine Frau die mit beiden Beinen fest im Leben
steht. Eine starke Frau. Aber vieles von dem was ich
erlebt habe hat auch heute noch Folgen. Auch heute noch
gibt es Nächte in denen ich nicht schlafen will weil
ich auch heute noch diese Träume habe. Auch heute frage
ich mich manchmal ob ich nicht doch irgendwo schuld
an allem war. Auch heute noch habe ich Angst vor Berührungen,
Angst davor zu reden, Angst davor verletzt zu werden.
Auch heute noch sehe ich diese Bilder vor meinen Augen
ablaufen und spüre wieder den Ekel der mich dabei überfiel.
Aber ich
habe geredet und werde weiter reden. Vielleicht in einer
anderen Art. Nicht mehr so sehr auf mein persönliches
Leben ausgerichtet, sondern mehr auf das Thema "Missbrauch
und seine Folgen" im allgemeinen. In diesem Moment
jetzt geht es mir gut. Und ich habe das Gefühl
das ein neues Kapitel für mich anfängt.
Vor einigen
Jahren fing ich an darüber zu reden.und ich erfuhr das
ich nicht die einzigste war die zu leiden hatte. Ich
erfuhr durch mein Reden das es viele Survivor gibt.
Und wieviele Menschen auf jemanden warten der Ihnen
sagt, das auch sie nicht die Einzigsten sind.
Mittlerweile rede ich mit jedem darüber der mich
fragt. Ich habe keine Probleme mehr damit mich hinzustellen
und zu sagen das ich als Kind missbraucht wurde. Egal
ob einer einzelnen Person oder der Öffentlichkeit
gegenüber.
Ich habe
meinen Stiefvater nie angezeigt deswegen. Er verschwand
kurz nachdem das Thema zum erstenmal auf den Tisch kam
für immer aus meinem und dem Leben meiner Schwestern.
Vor einigen Stunden, von dem Moment an wo ich jetzt
hiersitze und diese Sätze tippe, bekam ich die
Nachricht das er gestorben ist. Und in mir ist das Gefühl
- es ist vorbei.
Meine Mutter
verschließt vor all dem die Augen. Sie weiß wohl das
etwas war aber sie will es nicht wahrhaben und spricht
nicht darüber. Ich denke oft darüber nach ob sie damals
etwas gewusst hat davon. Ich versuche immer mir die
Antwort auf diese Frage nicht zu geben...
"Meine
Schwestern und ich reden untereinander nicht wirklich
darüber. Es ist eine Art stille Übereinkunft. Aber auch
eine Folge der Distanz die zwischen uns herrscht. Eine
Distanz die eindeutig von meiner Seite aus geht. Für
meine Familie bin ich irgendwie eine Fremde. Es kam
vieles raus, es wurde geredet, man hat sich ein bisschen
geöffnet. Und ich habe gemerkt das es mir nicht
gut tut, das ich befangen bin wenn ich meiner Familie
gegenüber, über mich persönlich etwas
erzählen soll. Also lass ich es und es wird meistgehend
akzeptiert. Es ist ein Mittelweg zwischen dem "sich
wünschen" und dem "nicht können".
Ein Mittelweg mit dem ich im Moment gut leben kann.
Ich habe
nie eine Therapie gemacht. Das ich darüber reden kann
hilft mir sehr. Ich engagiere mich heute gegen Kindesmissbrauch.
Seitdem ich Internet habe auch gegen Kinderpornographie.
Kleine Teilerfolge sind die beste Therapie für mich.
Ich bin
verheiratet, habe drei Kinder, lebe seit einigen Wochen
getrennt von meinem Mann, habe aus meinem Leben etwas
gemacht. Ich möchte versuchen mit einem gesunden
Egoismus mein Leben jetzt so einzurichten, das ich mich
wohl fühle damit. Die ersten Schritte sind getan.
Ich denke man hat es nicht wirklich einfach wenn man
mir näher steht. Aber es ist schon ein grosser
Erfolg das man mir näher kommt.
Ich bin
ein Survivor... und ich bin stolz darauf überlebt zu
haben. Und meine Aufgabe ist es allen zu zeigen das
man es schaffen kann. Allen zu zeigen das Kindesmissbrauch
existiert und das man seine Augen nicht davor schließen
darf!
Und ich
wünsche mir heute dass das alles nicht wirklich passiert
ist sondern nur ein böser Alptraum ist. Und ich weiß
das dieser Wunsch nicht erfüllbar ist.
Und wenn
es mal wieder zu arg wird greife ich nach rechts, ziehe
meine Maske auf und schließe meinen Panzer...
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