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Wenn
mich mal wieder jemand fragt, wie ich das so viele
Jahre einfach "vergessen" konnte, dann
mache ich innerlich immer zuerst mal einen grossen
Seufzer bevor ich ihm antworte. Denn irgendwie
weiss ich dann das der Fragende, sich doch nicht
richtig mit dem beschäftigt hat, was ihn
angeblich beschäftigt.
Verdrängung
ist nicht Vergessen. Wenn ich vergesse dann ist
alles weg. Aus, weg, gestrichen. Die Ursachen
sind weg, die Folgen und die Reaktionen. Denn
wenn ein Ursprung fehlt dann gibt es keine Folgen.
Weggewischt. Weg.
Ein
Beispiel:
Wenn ich vergessen habe das ich als Kind einen
Kaugummi für zwei Pfennig gestohlen habe,
dann habe ich auch als Erwachsener, dreissig oder
vierzig Jahre später, kein schlechtes Gewissen
mehr deswegen. Es ist einfach vergessen. Vielleicht
werde ich mal damit konfrontiert. Weil mein eigenes
Kind einen Kaugummi gestohlen hat. Ich erkläre
meinem Kind das man das nicht tun darf. Das man
Mein und Dein unterscheiden muss. Reagiere auf
meine Art darauf - vielleicht mit Gesprächen,
vielleicht mit Bestrafung - und gut ist.
Wenn
ich den Kaugummidiebstahl als Kind aber nur verdrängt
habe, dann ist er noch irgendwo in mir. Und wenn
dann mein Kind stiehlt, dann kommt er wieder hoch.
Ich habe ein schlechtes Gewissen wenn ich mit
meinem Kind schimpfe, weil ich das ja selbst auch
mal gemacht habe. Also schimpfe ich nicht wirklich.
Ich versuche das Kind zu verstehen, frage mich
warum es das getan hat. Auch... getan hat. Ich
mache mir meine Gedanken darüber ob das vielleicht
in den Genen liegen kann die ich an es weitergegeben
habe. Usw.. usw... ich geben dem Diebstahl meines
Kindes, viel mehr Raum als der, der seinen eigenen
Diebstahl vergessen hat. Und in Gedanken sehe
ich immer wieder mich als Kind, wie ich den Kaugummi
nahm. Was ich vorher dachte, dabei empfand, nachher
durchlitt. Aber gleichzeitig, bevor diese Konfrontation,
und somit das Bewusstwerden meines Diebstahls
da war, ist es in all den Jahren immer wieder
passiert, das mit dem eigenen Diebstahl zusammenhängt.
Sei es das ich fanatischer Anti-Diebstahl-Gegner
wurde. Sei es das ich beim Einkaufen unbewusst
alle meine Einkäufe so penibel sichtbar in
den Einkaufskorb lege. Sei es das ich meine Handtasche
nie mit ins Einkaufscenter nehme, damit niemand
auf die Idee kommt das ich da was reinstecken
könnte ohne zu bezahlen. Das ist Vedrängung...
Gut,
einige schlaue und studierte Menschen werden jetzt
sicher sagen, das man Vergewaltigung nicht mit
Kaugummidiebstahl vergleichen kann. Stimmt, kann
man nicht. Aber das Prinzip ist das Gleiche. Ich
schiebe etwas weit in mich zurück, um mich
nicht damit beschäftigen zu müssen.
Egal aus welchen Gründen. Bei Missbrauch
ist es - denke ich - mehr ein Selbstschutz. Weil
man sonst durchdrehen würde. Multiple Persönlichkeiten
zum Beispiel ( auch wieder "nur" meine
Meinung ) können nicht verdrängen. Deshalb
erschaffen sie immer neue Personen in sich, die
vergessen können. Weil sie nicht bewusst
erlebt haben, was eigentlich verdrängt werden
sollte. Aber das ist ein anderes Thema..
Ich
konnte den Ursprung, meinen Missbrauch, verdrängen.
Aber die Folgen davon waren da. Ich wusste aber
nicht das es Folgen davon sind. Ich habe registriert
(und mich selbst deswegen oft für verrückt
erklärt) das ich unnormal oft und unnatürlich
heiss dusche. Aber ich wusste nicht warum. Das
war einfach so. Ich musste es eben tun. Mein Schlafdefizit
war einfach so. Ich konnte eben nicht lange schlafen.
Warum? Wusste ich nicht. Ich war eben - meiner
Meinung nach - ein Nachtmensch. Die Unfähigkeit
vertrauen zu können schrieb ich meiner mangelnden
Menschenkenntnis, meiner Jugend zu. Meine Angst
vor meinem Stiefvater, das Unwohlsein wenn ich
mal "nach Hause" musste, schob ich auf
unsere, auch ohne Missbrauch, nicht gerade schöne,
Kindheit. Für alles hatte ich irgendwie eine
Erklärung, oder ich ignorierte es einfach.
Das das die Folgen von meinem Erlebten waren lernte
ich erst zu erkennen, als mir klar wurde was ich
erlebt habe. Mein Unterbewusstsein schaltete diesen
Schutz für mich ein. Ohne diesen Mechanismus
hätte ich es nicht überleben können.
Wobei "überleben" sich nicht nur
auf körperlichen Tod bezieht.
Hätte
ich alles vergessen gehabt, hätte ich nachts
geschlafen wie jeder andere auch. Wären keine
heissen Duschen nötig gewesen. Würde
ich Beziehungen so führen können, wie
es die Normalität eigentlich vorschreibt.
Vergessen oder Verdrängung - ein kleiner
Unterschied auf den ersten Blick... aber eben
nur auf den ersten...
Verdrängung
ist etwas, das in vielen Formen auftaucht. Auch
Dissozation sehe ich als eine Form der Verdrängung.
In dem ich mich abspalten kann von meinen Gefühlen,
Empfindungen, Schmerzen u.ä. - indem verdränge
ich sie. Für eine Weile. Ich spalte mich
ab und spüre nichts mehr. Aber doch sind
die Schmerzen da. Ich habe sie nicht vergessen.
Nur für eine Weile "auf die Seite gelegt".
Und
wenn einige schlaue und studierte Menschen meinen,
das es das nicht geben kann, dann haben sie vielleicht
etwas vergessen. Weil sie nicht die Fähigkeit
haben damit fertig zu werden, wenn es wieder hochkommen
könnte ;-)
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